Winter

Aus dem Alltag

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Weiß. Weiß ist die Welt und stumm. Nur eine Krähe zerreißt das feine Gewand der Stille mit ihrem kratzigen Schrei, bevor sie hinter den nahen Fichten verschwindet. Die Luft, trocken und kalt, verbeißt sich in die Lunge, krallt sich ins Gesicht. Ein Windstoß fegt winzige Häufchen pulvrigen Schnees über die Terrasse. Ich atme langsam und tief, ziehe den Schal enger und öffne das Gartentor.

Der Winter hält Hof am Wolfersberg und der kleine Buchenwald auf der Hügelkuppe ist sein kalter Palast. Der Schnee unter den Stiefeln knarrt wie ein betagter Parkettboden. Die Bäume tragen weiße Kleider und manch einer hält der Last nicht stand und verliert einen Ast an die raueste der Jahreszeiten. Zuweilen hat der Wind den Schnee vom Boden gefegt und der liegt nun da, als wäre er ein Leichnam, nackt, öde, ohne Leben.

An der Südflanke des Hügels liegt das Paradies. Für die ganz Jungen. Für die, die Rodel und Schlitten noch nicht als Sportgerät begreifen. Sanft fällt der Berg bis zur ersten Häuserzeile ab und doch steil genug, um einen Glücksrausch auszulösen bei Sechs- und Sechsunddreißigjährigen. Oft genug sind es die Väter, die auf eine prompte Wiederholung der Fahrt drängen.
Ein Erwachsener freilich ist stets am Fuß des Hügels postiert. Damit kein allzu flotter Knirps an einem Baum zerschelle.

Ob Kälte, Schnee, die grell-bunten Freudenschreie kunstvoll vermummter Kleinkinder oder das aufgeregte Geplapper ihrer euphorisierten Eltern, die Krähen ertragen alles mit stoischem Gleichmut. Wind kommt auf, zerrt an unseren Jacken, lässt uns wieder beherzt ausschreiten, hinüber auf die andere Seite des Wolfersbergs. Dort ist nichts zu sehen von Kindern und Schlitten und sogar die nahe Hüttelbergstraße unten im Tal getraut sich heute nicht, polternd ihren Verkehrslärm auf dem Berg zu entsorgen. Still ist die Welt hier.
Still und weiß.

Und als ob er seit Monaten auf uns gewartet hätte, löst sich ein Drachen aus dem dürren Geäst einer mächtigen Buche und segelt in eleganten Spiralen zu Boden.

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