Die Wüste lebt

Gastbeiträge

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Obwohl ich weiß, dass Düne Nummer 45 bestiegen werden darf, zögere ich zunächst. Ihre Reinheit flößt mir Respekt ein. Ich möchte die vom Wind modellierten Muster und die zarten Sandriffel nicht zerstören. Doch dann stelle ich mir den phantastischen Blick von oben vor und beginne mit dem Aufstieg.

Weich gibt der Sand unter meinen Schritten nach, und ich komme nur mühsam voran. Oben auf dem Dünenkamm weht mir Wind ins erhitzte Gesicht. Nichts als Wüste um mich. So muss die Erde vor Anbeginn der Zeiten gewesen sein. Eine anorganische Welt ohne Leben.

Das Schweigen dieser Welt schlägt mich in seinen Bann. Verzaubert von der elementaren Kraft der Erde in ihrem Urzustand, fühle ich mich befreit von beengender Körperlichkeit, als würde ich in eine andere Wirklichkeit hineinfliegen. Auf einmal ein Schrei! Der helle und durchdringende Ruf eines Greifvogels. Ich schaue hoch und sehe kreisende Silhouetten über dem Sandmeer.

Die Sonne hat ihren Lauf am Himmel fast beendet, hüllt die Dünen in warmes Licht, verwischt die Konturen, übergießt sie mit Pastelltönen zwischen Gold und Rosé. Jetzt ist die Stunde, in der die Wüste zum Leben erwacht. Es raschelt und knistert. Sandkörner bewegen sich. Schwarze Käfer tauchen auf. Zaghaft tasten sie sich mit langen Beinen durch den Sand. Diese Tenebriokäfer sind wahre Überlebenskünstler. Wenn der Morgentau herabrieselt, stellten sie sich auf den Kopf und lassen die Tropfen, die an ihrem Hinterleib kondensieren, in die Mundöffnung laufen.

Wieder bewegt sich fast unmerklich der Sand, ein blasses Wesen erscheint. Auffallend die riesigen Augen, während der Körper fast durchsichtig ist – ein Wüstengecko. Der Sonnenball versinkt hinter den Dünen. Der Himmel scheint zu brennen und wirft seinen Widerschein auf die Sandberge. Ein Farbenspiel, das mir mit seiner unwirklichen Intensität den Atem nimmt. Und dann sehe ich ihn, den Oryx-Bock.

Wie ein Fabelwesen zieht er mit seinen weiß schimmernden Spießen durch die rot glühende Einsamkeit.

Aus:
Carmen Rohrbach: Namibia – Abenteuerliche Begegnungen mit Menschen, Landschaften und Tieren. Verlag: National Geographic / Malik.

Carmen Rohrbach, geboren in Bischofswerda. Biologie studiert und von der Neugier auf die Welt gepackt. Wegen des Versuchs, der DDR zu entkommen, zwei Jahre inhaftiert. Von der Bundesrepublik freigekauft, promovierte sie am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie. Erhielt einen Forschungsauftrag, der sie auf die Galapagos-Inseln führte. Lebte ein Jahr lang auf einer kleinen Insel, unter Meerechsen und der Sonne des Äquators. „Inseln aus Feuer und Meer“ entsprang dieser Erfahrung, zahllose Bücher folgten.
In ihren Büchern lässt sie die Leser Anteil nehmen an ihren abenteuerlichen Reisen nach Südamerika, Afrika, Asien, Arabien. Seit vielen Jahren zählt sie zu den populärsten deutschen ReiseschriftstellerInnen.
Zuletzt erschienen: Wildes Kasachstan – Auf der Fährte des Sibirischen Steinbocks, National Geographic / Malik, 2021
Carmen Rohrbach

Die Text- und Bildrechte dieses Beitrags liegen bei Carmen Rohrbach.

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