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Gastbeiträge

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Der Weltnaturkenner fängt klein an. Zunächst kennt er sich nur in seinem direkten Umfeld aus: Gras, Schnecke, Kaugummipapier. Er ist zu Beginn also ein Umkreisnaturkenner. Durch die Begegnung mit Heinz Sielmann im Fernsehen gibt es Erweiterungen: Sigmaringen, Norddeutsche Tiefebene, Kalahari. Er reist und vereist im Polar, er taucht in tibetischen Tempeltümpeln, und zu dem, was er dort harpuniert, sagen die Mönche: Om. Die Filmtechnik verbessert sich, auch durch ihn. Er schaut der Galapagosechse in den Darm, erkennt den Bienenfresser an Feder und Fresse. Nebenbei schenkt er den letzten Wilden eine Vergangenheit, denn sie haben es verdient. Die Gefahr lauert: Es droht das Ende der Naturkenntnis durch das Ende der Welt. Er forscht und warnt, bis die Evolution ihn in ein Klischee verwandelt hat. Ein bisschen senil geworden, sucht er in Deutschland nach Neandertalern und findet sie überall. Als eine ironische Dokumentation über ihn gemacht wird, ärgert er sich kurz. Aber dann denkt er: Auch ich bin eine Art. So wird der Kreis geschlossen, Subjekt und Objekt halten Händchen, alles ist getan, und man benennt einen unangenehmen Hautflügler nach ihm, der bald darauf ausstirbt.

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Marcus Hammerschmitt, *1967 (Saarbrücken), Schriftsteller, Journalist, Fotograf. Zuletzt: „Rom“, Schiler & Mücke, Tübingen/Berlin (2021) und „Die Teufelsinsel“, Edition J. J. Heckenhauer, Tübingen (2020)
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