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Und dann bin ich im Supermarkt, wo mich die Musik antrifft. Ich strecke die Hand nach den günstigen Conference-Birnen aus, und aus den Lautsprechern am Supermarkthimmel kommen acht Töne, irgendein konventionell aufgelöster Akkord, und eine Männerstimme, der ich gleich zuhören will.

Es ist ein bisschen banal und jammerig, 90er-Brit-Pop eben; es klingt wie Radiohead vor der totalen Verkunstungsphase, also vor 1998. Ich kann nicht damit angeben, dass es mich berührt, ich möchte nur weiterhören, in einem Supermarkt, beim Einkaufen. Ja, es ist die richtige Musik für jemand, der gerade vom Hautarzt kommt und wieder Frieden mit der Welt schließen will, und ich lasse den Einkaufskorb pendeln. Gern würd ich wissen, wer das Lied gemacht hat. Die erste Supermarktangestellte, die ich frage, ob es irgendeine Liste mit den Supermarktliedern gibt, fragt mit russischem Akzent zurück: „Ist ein schönes Lied, ja?“, und sie lacht. Ich bestätige: ein schönes Lied. Nicht nur das: Es hat hier in diesem Supermarkt einen Schutzmantel um mich gelegt, der aus guter Laune und ein wenig Sentimentalität besteht, wie das bei schönen Liedern halt so ist.

Die Frau an der Infotheke hat weniger Verständnis für meine Nachfrage, man sieht ihr an, dass sie eigentlich lieber antworten würde: Da könnte ja jeder kommen. Tatsächlich sagt sie: „Keine Ahnung. Liste gibt‘s nicht. Das kommt immer von irgendwoher. Keine Ahnung.“ Nicht einmal das kann mich stören. Ich gehe zur Selbstabfertigungskasse, und es gibt keine Probleme, auch nicht mit den Birnen Conference: Das Lied hat auch hier geholfen. Ich bringe alles nach Hause und verstaue es richtig. Die acht Töne sind bei mir bis zum Abend.

Marcus Hammerschmitt, *1967 (Saarbrücken), Schriftsteller, Journalist, Fotograf. Zuletzt: „Die Teufelsinsel“, Edition J. J. Heckenhauer, Tübingen (2020) und „Der Brief des Nachtportiers“, Edition Monhardt, Berlin (2019).
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