Fleischhandel

Fleischhandel

Von oben sah sie noch kleiner aus, als sie tatsächlich war. Zusammengestaucht. Wie ein Zwergenmädchen wirkte sie, mit ihrem kindlichen Pagenkopfschnitt und ihrer Miniaturausführung von Frau. Klein und unbeholfen, wie sie mit dem klobigen, kalten Paket, der Inhalt dunkelrot, dastand. Die Oberfläche der Plastikhülle hatte einen dünnen Eisfilm aufgezogen, gefrierende Luftfeuchtigkeit dieses warmen Maitages ließ es matt weiß zu ihr ins Dachgeschoß hinaufleuchten. Chantal wartete vor einer der gegenüberliegenden schmalen Haustüren, um ihre Kostbarkeit feilzubieten. Keiner öffnete, es war am frühen Nachmittag, wochentags. Keine gute Zeit. Eine letzte Hausnummer zog das alte Zwergenmädchen mit ihren schlampigen, ungleichen Schritten noch weiter, links trat sie kürzer als rechts. Ihr Hündchen trottete willig mit. Diesmal öffnete eine grauhaarige Frau Chantal, sie wirkte nicht erstaunt, aber so uninteressiert, wie man ein paar Jahrzehnte früher am Angebot von unaufgefordert auftauchenden Staubsaugervertretern war. Die Studentin konnte von ihrem Fenster aus weit oben im Dachgeschoß gegenüber nicht hören, was sie sagte, und doch wusste sie, worum es ging. Unhöflich war die in der Türöffnung nicht, sie kannte Chantal wohl. Ein paar Worte tauschte sie mit der kleinen Frau aus, dann hob sie die Hand eindeutig zum Abschied und schob sich rasch hinter die schmale Eingangstür, die vom vorbeifahrenden Moped übertönt stumm ins Schloss fiel. Da stand sie, das eiskalte Paket unter ihren nackten Arm geklemmt, mit dem Rücken zur zugezogenen Tür, den Blick auf ihr eigenes Fenster, an dem zwei ihrer Katzen auf der Fensterbank saßen und ihre Herrin schläfrig beobachteten. Der Hund kläffte kurz, ein Blick von ihr genügte, dass er es sein ließ. Der Studentin schnürte es die Kehle zu, sie kannte den Grund für Chantals Hausieren. Rasch legte sie Zeigefinger und Daumen aneinander, führte sie in den Mund und stieß einen kurzen Pfiff aus. Die Nachbarin blickte in ihre Richtung, direkt in die Sonnenstrahlen, die sich gerade noch über die obersten Dachziegel ihres Hauses tasteten. Sie musste ihre freie Hand schützend über die Augen halten, um etwas erkennen zu können. Die Studentin deutete ihr, nach Hause zu kommen, und rieb die zwei Finger, die sie gerade noch fürs Pfeifen benutzt hatte, ein paarmal aneinander. ‚Komm, das Geld bekommst du von mir.‘

*

Sie ließ die Fenster offen stehen, zog sich einen Pullover über das dünne Shirt und angelte nach ihrer Brieftasche im Rucksack. Der Blick ins Innere war nicht gerade ermutigend, dennoch zog sie drei der vier letzten Scheine heraus und eilte die enge Treppenflucht nach unten. Warum sie eilte, wusste sie nicht. Chantal würde ihr nicht davonrennen und schnell war sie ohnedies nicht. Das Bild dieser um den Verkauf von Tiefgekühltem bettelnden Alten stach in ihr. Das war es wohl, warum ihre Beine die schmalen Stufen hinabsprangen. Die kleine Frau stand bereits im schummrigen, engen Flur.
„Ist der Teufel hinter dir her?“, zischelte sie und setzte ein schräges Grinsen drauf, das ihre zwei Zahnlücken im Oberkiefer zeigte.
„Nein, nicht der Teufel. Außerdem …“, sie deutete mit dem Kinn auf das Paket unter Chantals Arm und lächelte, „die fleischliche Sünde hältst wohl du in Händen. Was machst du mit dem Brocken?“
„Die Viecher brauchen was zu kauen, das kann ich ihnen nicht geben. Aber ich hab’s nur so, Kohle hab’ ich keine.“
„Was fehlt? Hundefutter, Katzenfutter, Vogelfutter?“
„Ja, alles. Und Tschick, und Alk. Kennst mich doch.“
Jedes Wort mit einem ‚s‘ rutschte schief aus ihrem Mund. Außerdem war ihre Zunge schon wieder schwer, auch wenn es erst knapp vor drei war. Sie wälzte die wenigen Worte schwerfällig über ihre Lippen, als ob es zu große, unzerkaute Stücke wären, gebettet in dicke Luftblasen. Die Studentin wollte Chantal nicht vor den Kopf stoßen. Wollte nicht die Gouvernante mimen und ihr vorbeten, was wichtiger wäre. Dass Chantal eher mal was essen sollte als rauchen und trinken. Es war ganz einfach nicht ihr Part. Sie drückte Chantal die drei Scheine in die Hand.
„Es ist nur geborgt, du weißt.“
Das musste sie immer sagen, sonst nahm ihre Zwergennachbarin nichts an. Im Glauben, dass es nur geliehen war, funktionierte es. Sie streckte die Hand, die Leine immer noch rundherum gewickelt, aus und nahm etwas zittrig die Geldscheine. ‚Komisch, die Leine‘, dachte die Studentin, der kleine Köter wich ohnedies nie von ihrer Seite, außerdem konnte er gar nicht mehr davon, die Haustür war verschlossen. Vielleicht empfand sie es als Zier, das Hündchen an der Leine, es erinnerte an schicke Damen aus alten Filmen mit langen roten Fingernägeln, breitkrempigem, federleichtem Hut und Zigarettenspitz. Nur, dass Chantal für diese Eleganz alles fehlte, nicht allein der Hut. Und der Hund war ungepflegt. Sie ließ ihn ab von der Leine.

„Du weißt, Geld nehmen einfach so, das hab’ ich nie gemacht. Hab’ immer dafür gearbeitet. Normal, von hinten, Blowjob, …“ Sie kicherte aus ihrer schildkrötenhaft eingezogenen Kehle heraus, „Leistung gab’s immer. Wer will schon Almosen. Meine Kunden wussten meine Dienste zu schätzen! Und bezahlten gut. Immer gut.“
„Ich weiß, Chantal. Prinzessin, du warst die Schönste. Und sie stellten sich reihenweise an bei dir.“

Wieder kicherte die Zwergenfrau, umarmte ungeschickt die Studentin, drückte sie gegen ihre schmuddelige Bluse, der drei Knöpfe fehlten, und öffnete mit ihrer Linken die Wohnungstür. Alle fünf Katzen kamen herausgeschossen, schmierten schnurrend und miauend um die Fesseln und Waden ihrer haarigen Stummelbeine und forderten Futter.

„Ihr werdet mich noch umschmeißen, mieses Fellpack!“, grummelte Chantal auf ihre grobe und gleichzeitig liebevolle Katzenmutterart, „allez – schert euch rein!“

Sie pfiff durch ihre Lücken nach dem Hund. Der Pfiff klang heiser, weil ihm dort und da der Widerstand fehlte. Nahm den kleinen Weißen, der gerade erst in einer Ecke der Wohnung Ruhe gesucht hatte, neuerlich an die Leine und machte sich auf den Weg zum Supermarkt. Den Alkohol von dort, das Tierfutter ebenfalls, die Zigaretten aus der Trafik um die Ecke. Diese Wege schaffte sie noch gerade so. Es erschöpfte sie sehr, doch sie bestand darauf, es selbst zu tun. Und die Tiere waren ihr ans Herz gewachsen. Wenigstens sie waren sanft.

Die Studentin wusste nicht, was sie von dem halten sollte. All das gefrorene Fleisch, diese großen Mengen, klaute er das wirklich im Restaurant, wo er arbeitete? Und wie kam Chantal darauf, dass im 21. Jahrhundert irgendwer, ohne Bestellung, Fleisch an der Tür kaufen würde? So, als ob es das nirgendwo sonst gäbe? Weil es billiger war? Chantal lebte wohl in früheren Zeiten. Es berührte sie, wie schön sich die Zwergin noch immer empfand oder zumindest in ihrer Erinnerung sah und darin festhing.

*

Als Chantal ihr das erste Mal erzählte, wann und wo sie als Prostituierte gearbeitet hatte, glaubte die Studentin, jetzt werde sie von vorn bis hinten verarscht. Dieses kleine Weiblein? Zahnlückig, fettiges Haar, dicklich und krumm, die Hosen stanken subtil nach Urin, die Finger nach Nikotin, der Atem nach Alkohol? Doch sie fing an, ihr zu glauben. Wer erfand sich schon eine Vergangenheit als Hure.

Natürlich bekam sie die drei Scheine nie zurück. Es war ihr nicht wichtig. Sie hatte es von Anfang an als Geschenk gesehen, und weil sie es mit einer ungespielten Selbstverständlichkeit in Vergessenheit geraten ließ, konnte Chantal es annehmen. Doch danklos war sie nicht. An einem Wochenende, an dem Chantals Partner im Restaurant arbeiten musste, aus dem er das Fleisch mitgehen ließ, kochte sie für die Studentin und sich selbst einen großen Pot-au-feu. Mit dem Fleisch, das sie die paar Tage zuvor zu verscherbeln versucht hatte. Das Ziehen von Haus zu Haus fing sie immer dann an, wenn es knapp wurde. Wie oft er Fleisch klaute, wusste die Studentin nicht, doch es musste öfter sein, als die beiden das alles essen konnten, sonst wäre ja nichts für den Gassenverkauf geblieben. Ob sie damit je Erfolg hatte, traute sie sich nicht zu fragen. Der Pot-au-feu duftete, die Studentin ließ sich von Chantal servieren. Der Hund bekam häppchenweise etwas ab. Er saß auf die Vorderpfoten aufrecht gestützt am fleckigen, mit Brandlöchern übersäten Sofa neben seinem Frauchen. Er bettelte nicht, blickte lediglich mit schief gelegtem Kopf den Bissen nach, die die Alte in ihrem Mund verschwinden ließ, und wenn es für sie passte, bekam zwischendurch einen er statt ihr. Die beiden aßen von einer Gabel. So kommentarlos, wie Chantal die Gabel von Mund zu Maul und wieder zu Mund wandern ließ, so normal kam es der Studentin mit der Zeit vor. Sie musste ja nicht davon essen, also kümmerte es sie nicht. Wie oft der Hund eventuell schon von der Gabel gefressen hatte, die sie in ihrer Hand hielt, darüber wollte sie nicht nachdenken. Die fünf Katzen rundum forderten nichts, sie hatten bereits in der Küche beim Schneiden der Fleischstücke ihre Ration bekommen. Zufrieden lagen sie auf der Rückenlehne des Sofas, unterm Tischchen und auf der Fensterbank. Esstisch gab es keinen, doch Chantal hatte sich Mühe gegeben, die Lümmelsofaecke in einen Essensplatz zu verwandeln, der ihres lieben Gastes würdig war. Sogar ein Spitzendeckchen lag auf dem niedrigen, schwarz gestrichenen Tisch aus billigen Pressspanplatten und verdeckte so die abgestoßenen Kanten und unzähligen Kratzer im Lack.

Der Studentin schmeckte es, also dachte sie nicht über Küchenhygiene nach. Was sie nicht wusste, brauchte sie nicht zu stören. Auch wenn es aus dem Katzenklo in der Wohnzimmerecke und dem großen Vogelkäfig mit den vier knallgelben Kanarienvögeln nicht fein roch, war das Essen in Ordnung. Sie würde es überleben, wenn auch sicherlich so manches beim Zubereiten anders abgelaufen war, als sie es kannte.
„Hast du von deiner Mutter kochen gelernt?“
„Komm mir nicht mit der! Von der war gar nichts zu lernen, außer, wie man’s nicht macht.“

Chantal schob einen halb zerkauten Fleischbissen mit der Zunge zurück auf die Gabel und bot ihn dem Hund an. Er schnüffelte daran. Nach kurzem Zögern schnappte er das Stück. Ihre Zähne konnten die zäheren Teile nicht zermahlen, dafür waren sie zu wenig und die zu schlecht.
Pardon, ich kenn’s nicht, dass mir wer beim Essen zusieht. Er ist ja fast nie da, und wenn er da ist, will er schlafen. Oder mit mir schlafen. Essen tut er meistens im Chez Paul …“

Beim ‚Chez‘ flutschte eine dünne Fleischfaser durch die Zahnlücke und klebte Chantal kurz am Kinn, bevor sie auf ihren Schoß glitt. Von dort schnappte sie sich der Hund. Die Studentin blickte perplex von ihrem Teller auf. Nicht wegen der Schmierspur an Chantals Kinn. Es war so gar nicht in ihrem Denken, dass diese zwei Leute intim miteinander waren. Ihr war es wie eine nüchterne Zweckgemeinschaft vorgekommen, weiter hatte sie nicht gedacht.

„Schön ist das, dass ihr euch gut versteht.“ Es klang sperrig in ihren Ohren, doch mehr fiel ihr in dem Moment nicht ein.
„Gut verstehen? Pha! Was hat denn das mit gut verstehen zu tun? Er bumst mich halt, dafür bringt er mir Essen. Früher war er mein Kunde. Das ist lang her. Dann haben wir uns ewig nicht gesehen. Irgendwann sind wir uns wieder über den Weg gelaufen. Er hatte es nötig, aber kein Geld. Ich hab’ ihm klar gemacht, dass ich nicht mehr schaffe. Also ist er eingezogen bei mir, so einfach ist das. Mir ist’s egal, ich spür’ da unten eh nichts mehr. Wenn’s ihm hilft, soll’s mir recht sein. Nur das Fleisch, das Fleisch wird immer schlechter. Manchmal kommt’s mir vor, er bringt mir nur mehr die Küchenabfälle. Wenn er sich da nicht bald mehr ins Zeug legt, leg’ ich mich auch nirgends mehr wohin. Dann kann er sich’s selbst besorgen. Basta!“

Der Studentin war der Appetit vergangen. Nicht etwa Bilder waren es, die in ihr hochkamen bei diesen Worten und ihr das Essen vergällten. Diese völlige Abwesenheit von Gefühl, von Zuneigung war es, die sie schockierte. Chantals Jahre am Strich hatten sie wohl abstumpfen lassen. So klein konnte ein Frauenwesen gar nicht sein, dass es sich nicht auseinanderdividieren ließ – hier der Körper, da das Gefühl.

„Warum hast du’s überhaupt gemacht?“
„Was?“
„Warum bist du auf den Strich gegangen?“
„Schätzchen, auf den Strich geht man nicht, auf dem Strich landet man. Glaubst du, das tut irgendeine von uns freiwillig? Du lernst irgendeinen von den Mackern kennen, der verspricht dir das Blaue vom Himmel, die beste Kohle, die schönsten Kleider, das herrlichste Essen, Champagner jeden Tag. Aber was für Dreckskerle daherkommen und was die alles von dir wollen, das erzählt dir keiner.“
„Das muss dir doch komisch vorgekommen sein, du bist schlau. Und du warst jung, du hättest alles andere machen können.“
„Wenn du nicht weißt, was du an dem Tag zu beißen kriegst, wenn du vom Vermieter rausgeschmissen wirst, weil du schon drei Monate im Verzug bist, mit Geschrei und einem Fußtritt als Draufgabe, dann klingen solche Versprechen schön. Da überlegst du nicht mehr lang.“
„Konntest du nicht heim? Du warst noch so jung, konntest du nicht zurückgehen?“
Chantal schnaubte verächtlich, wollte losdonnern, dann klappte sie den Mund wieder zu. Wurde auf einmal ganz ruhig. Schüttelte stumm den Kopf, strich ihrem Hund über den Nacken, blickte leer durchs Fenster auf die Straße hinaus.
„Da war der Strich noch besser.“

Die Studentin hörte auf zu fragen. Diese Welt war ihr zu fremd, als dass sie weiterbohren wollte. Es änderte doch nichts mehr. Sie sah Chantal an, sah ihr zu, wie sie die letzten Bissen mit dem Messer lustlos am Teller von hier nach da bewegte, dann mit der Seite der Gabel die würzige Sauce abschabte und den Rest der Fleischstücke ihrem Hund vorsetzte.

„Wenn einer zu mir sagt, ‚ich verspreche dir …‘, den jag’ ich zum Teufel! Ich kann’s nicht mehr hören. Leeres Geschwätz, verlogenes Zeug, es kümmert sich ja jeder nur um seinen eigenen Arsch. Versprich mir ja nichts, ma p’tite, wenn du zurückgehst, nichts, hast du gehört? Heulen werd’ ich sowieso, mach’s halt nicht schlimmer. Komm einfach wieder, dann ist’s gut.“

Ein Weilchen saßen sie schweigend nebeneinander. Chantal kraulte ihren Hund hinter den Ohren, bis die Fellsträhnen von ihren fettigen Fingern so speckig waren, dass er aussah wie eine schlecht frisierte Karikatur seiner selbst. Die Studentin ging mit den Tellern in die kleine Kochnische, sah das Chaos und blickte fragend zu Chantal, die müde vor sich hin murmelte. „Lass gut sein. In dem Bazar blick’ nur ich durch“, und sie kicherte durch ihre Zahnlücken. Das Kichern wandelte sich in ein Husten, ein raues, trockenes Raucherhusten. Die ganze kleine Frau beutelte es durch. Der Hund sprang vom Sofa und trollte sich in seinen Korb neben der defekten Stromheizung. Die stand nur mehr da, weil Chantal ihr Gewand zum Auslüften darüber hing.

„Komm, Kleine, wir trinken noch einen Sherry, dann muss ich aufräumen, bevor er kommt. Er mag den Saustall nicht, wenn er das sieht, geht’s wieder los mit seinem Krawall. Und du, du musst lernen. Hast was Besseres vor als ich …“
Sie setzte an, noch was zu sagen, ließ es dann aber bleiben.
Es war ein edler Tropfen, die Studentin konnte nicht umhin, daran zu denken, dass er den im Chez Paul mitgehen hatte lassen wie alles andere, was nicht billig war in dieser Wohnung. Und dann drängte sich der blöde Gedanke auf, was er eventuell für Sonderdienste forderte, wenn er mit Spezialitäten heimkam. Es schüttelte sie, an den Armen und Beinen zog sie eine Gänsehaut auf.
„Geht’s, Kleine? Ist der dir zu stark? Du weißt, mir ist so schnell nichts zu stark.“
„Nein, Chantal, ist gut. Ich muss jetzt wirklich.“

*

Sie hatten noch sechs Wochen. Chantal ganz unten, sie ganz oben, im schmalen Mietshaus. Manchmal zusammen im Flur hinter der Eingangstür. Selten bei einer Zigarettenlänge am Brandlochsofa. Er war jetzt mehr zu Hause, und wenn er da war, duldete er keinen Besuch. Die Studentin hätte das auch nicht gewollt. Hinter der Tür war es oft laut, zu laut, wenn sie zur Uni aufbrach. Geduckt und auf Zehenspitzen schlich sie an solchen Tagen an Chantals Wohnung vorbei. Was umsonst war, bei dem Lärm hätte sie sowieso niemand gehört. Nie hätte sie es gewagt anzuklopfen, um ihn aus seiner Rage zu reißen, ihr dadurch vielleicht zu helfen. Sie kam sich vor wie eine Verräterin, rückgratlos, sie zählte die Tage bis zu ihrer Abreise, um das alles nicht mehr mitzukriegen. Es fühlte sich an, als ob sie Chantal im Stich lassen würde, wenn sie ging. Aber was sollte sie machen, ihre Zeit hier war bald abgelaufen, ihr Stipendium zu Ende. Außerdem würde sie wohl nichts ausrichten können, selbst wenn sie bliebe.

„So etwas Schönes hab’ ich in meinem ganzen Leben noch nicht bekommen.“
Mit erstickter Stimme sagte Chantal diese Worte an einem warmen Sommerabend zur Studentin. Tränen schossen in ihre kleinen, wimpernlosen Augen, als sie ihre knubbelige Nase in die frischen Gartenrosen steckte. Ein guter Freund der Studentin hatte sie geschnitten und vorbeigebracht. Einen Riesenstrauß bunter Rosen, die Chantal entgegennahm, weil die Beschenkte nicht zu Hause war. Den ganzen Nachmittag hatten sie ihren Duft im schmalen Stiegenhaus verströmt, und als die Studentin heimgekommen war und im kleinen Flur von Chantal zu den Rosen und wieder zurück blickte, teilte sie kurzentschlossen den dicken Strauß in zwei Hälften und drückte Chantal die eine an die Brust.
Zurück in ihrem Dachgeschoß, kamen ihr selbst die Tränen. Wenn ein paar duftende Sommerrosen das Schönste in ihrem Leben waren, wie trist musste der Rest für ihr altes Zwergenmädchen gewesen sein?

*

Au revoir, Chantal. Ich versp….“, sie verstummte, blickte zu Boden, dachte nach und hob neuerlich an. „Ich verspüre jetzt, dass ich heimmuss, aber nicht für immer.“ Es war ein kläglicher Versuch, das Unwort zu vertuschen, doch die Zwergin hatte Nachsehen mit ihrer großgewachsenen, anmutigen Freundin und verzieh ihr wortlos mit ihrem schrägen Lächeln voller Lücken. „Mach’s gut, ma belle!“ Innig drückte sie die kleine Frau an sich. Sie konnte nicht anders, sie sog den ganzen Mief ihres alten Zwergenmädchens tief ein. Es war das Einzige, was sie von ihr mitnehmen konnte.

*

Zwei Jahre später stand sie wieder in ihrer Straße. Das Studium war abgeschlossen, die erste Anstellung nach zahlreichen Bewerbungen in alle Himmelsrichtungen Europas in ihrer ehemaligen Studienstadt gefunden. Ihre alte Adresse war das erste Ziel gewesen nach ihrer Ankunft. Langsam ging sie von dem kleinen Park, in dem jeden Freitag der Wochenmarkt aufgebaut wurde, die Straße hinab zu ihrer alten Hausnummer. 168, sie hatte diese Nummer von Anfang an gemocht, warum, konnte sie nicht sagen. Die Vorhänge im Erdgeschoß waren andere. Sie sah es sofort, ein komisches Gefühl überkam sie. Chantal war nie auf Veränderung aus. Die zwei Buchstaben C. F. waren am untersten Klingelschild ersetzt worden durch M. Chignon. Ein Beben durchfuhr sie. Auch die anderen Wohnungen trugen unbekannte Namen, einer nur war gleich wie damals. Das war die junge Familie, die Wand an Wand mit ihr gelebt hatte, nur da wollte sie gewiss nicht läuten. Grau und unangenehm waren die Erinnerungen an die Dispute, die sie unfreiwillig mithören musste. So entschied sie sich für den neuen Namen an Chantals altem Schild. Sie hatte eiskalte Hände, unsicher drückte sie ihre Fingerspitze auf den untersten Klingelknopf. Eine junge Frau machte das Fenster auf, das auf den Gehsteig hinauswies. Das, an dem die Katzen so gern gesessen hatten.

„Kann ich helfen?“
„Ich suche Chantal. Chantal Faucon. Sie hat hier vor zwei Jahren noch gewohnt.“
„Keine Ahnung. Ich bin erst seit ein paar Wochen hier. Was ich weiß, stand die Wohnung davor leer. War ziemlich versifft, musste hergerichtet werden.“
„Sie haben nie was von Chantal gehört? Keiner im Haus hat von ihr erzählt?“
„Ich kenn’ die doch alle nicht. Bin ja grad erst gekommen. Nein, ich weiß nichts von ihr. Was brauchen Sie denn?“
„Wir waren Nachbarinnen. Freundinnen.“
„Und Sie haben ihr versprochen, dass Sie sie besuchen kommen?“

Es durchzuckte die Studentin, die nun keine mehr war. Verächtlich sah sie hinauf zur jungen Frau, die ein wenig über ihr am Fensterbrett lehnte. Ihr Busen drückte gegen die verschränkten, braunen Unterarme und die Anhänger der langen Kette klimperten jedes Mal am blechernen Fensterbrett, wenn sie ihre blondierten Haare von der einen Seite zur anderen warf. Dieses Wort passte nicht in die Wohnung von Chantal. Es hatte hier nichts verloren. Damals nicht und jetzt auch nicht.
„Nein, Chantal mochte keine Versprechen.“
„Rufen Sie sie einfach an!“
„Chantal ist kein Mensch, den man am Telefon erreichen kann.“
„E-Mail?“
Merde, nein! – Nein. Man erwischt sie bei ihr daheim oder man erwischt sie nicht.“
„Na dann kann ich leider nicht helfen. Hier ist sie nicht. Ich muss jetzt weiter.“ Sie zog ihre Schultern zu den Ohren hoch, legte die Stirn in Falten und kaute derb an ihrem Kaugummi. Es war ein missglückter Versuch, mitleidig dreinzuschauen.
„Ist gut.“
„Falls sie mal vorbeikommt …“
„Chantal kommt nicht vorbei. Wenn sie hier nicht mehr ist, ist sie nicht mehr.“

Die junge Frau verstand nicht. Sie fing noch einmal an.
„Also falls sie mal vorbeikommt, sag’ ich ihr, dass Sie da waren – versprochen!“

Schon wieder. Sie konnte es nicht mehr hören. Nicht hier, wo in allem Chantal war. Grußlos drehte sie sich um und entfernte sich von Nr. 168. Ein Hund kläffte mit dünner Stimme irgendwo in der Nähe, doch sie wusste, es war ein anderer.

Noch unveröffentlicht.

Eva Adelbrecht, geb. 1979, ist freiberufliche Übersetzerin, Dolmetscherin und Lektorin. Gefeilt wurde an ihren Sprachkenntnissen an diversen Lebensplätzen: Ihre Muttersprache Deutsch hat einen kaum mehr zu erkennenden Kärntner Colorit. Die Fremdsprache Französisch wurde in Grenoble vor dem und in Brüssel während des Studiums verinnerlicht. Das Englische sehnt sich immer noch nach einem Auslandsaufenthalt. Als Liebhaberin vieler Sprachen und deren Besonderheiten möchte sie allen gerecht werden, und doch: Ihr Herz schlägt für Französisch, die Praxis bringt eher Englisch, die Kreativität funktioniert am besten auf Deutsch. Lassen es Kinder und Beruf zu, entstehen Texte. Meist spätabends, und doch kaum verträumt. Schicksale, die sie beschäftigen, werden in Kurzgeschichten gegossen.
Eva Adelbrecht

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei Eva Adelbrecht, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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