Flussbett

Gastbeiträge

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Zuerst wusste ich nicht, dass es ein flussbett wirklich geben kann. So hielt ich den durch die ufer begrenzten graben, in dem der fluss fließt, für ein flussbett, wie alle anderen auch. Aber eines tages – auf einem spaziergang am ufer der dreisam – sah ich ohne zweifel ein echtes flussbett. Wer die dreisam kennt, der weiß um die wandlungsfähigkeit dieses flusses: mal schäumt und sprudelt er übers ufer hinaus, mal zeigt der wasserstand nicht mehr als zwanzig zentimeter. Dazwischen ragen die felssteine, liegen die kiesel. Es war sommer und der fluss trocknete mehr und mehr aus. Kleine Inseln bildeten sich. Und der obdachlose, der sicher nie ein wohnungssuchender war, hatte seinen stammplatz unter der brücke verlassen und war auf einen kieselsteinigen sandhügel mitten in den fluss gezogen. Man hatte ihm seinen platz unter der brücke streitig gemacht, man hatte sein lager mehrmals räumen lassen. Jetzt wohnte er also im fluss, hatte seine matratze zornig aufs flussbett geworfen. Einmeterzwanzig mal zweimeter lang war dieses flussbett. Das heißt, auch einige plastiktüten und ein radio hatten darauf platz gefunden. Leise, beinahe vorsichtig, schlängelte sich das wasser um dieses flussbett, vielleicht war es über diese neue lebensform genauso erstaunt wie ich. Oder glücklich, weil schon wieder ein wort fleisch geworden war und unter uns wohnte.

Aus:
Manuela Fuelle: Lexikon der Doppelwörter, erschienen 2020 im Derk Janßen Verlag.

Manuela Fuelle, geb. 1963 in Berlin, lebt als Diakonin und freie Autorin in Freiburg. Seit 2004 veröffentlicht sie in Literaturzeitschriften und Anthologien. 2011 erschien ihr erster Roman Fenster auf, Fenster zu, 2016 Luftbad Oberspree. 2017 erhielt sie den Thaddäus-Troll-Preis.
Manuela Fuelle

Mine Dal, türkisch-schweizerische Fotografin, geb. in Istanbul, lebt seit 1999 bei Zürich, studierte in Istanbul Germanistik und Kunstgeschichte. Ihr Fotoband Everybody’s Atatürk erschien 2020 bei Edition Patrick Frey. Für diese Veröffentlichung wurde sie in der Türkei von der Fotografie Föderation TFSF zur Fotografin des Jahres gewählt. 2021 wurde sie mit diesem Fotoband für den Arles Book Award nominiert.
Mine Dal

Die Textrechte dieses Beitrags liegen beim Verlag, die Bildrechte bei Mine Dal.

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