Frost

Aus dem Alltag

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Wenn nur diese Kälte nicht wäre, dachte er. Diese verdammte Kälte. Er stand vor dem Restaurant, dessen Inneres eine Behaglichkeit verströmte, die ihn irritierte und erinnerte sich an die sonnenhellen Tage seiner Kindheit. Noch eine Minute, dachte er und beobachtete den Schnee, der in groben Flocken vom Himmel fiel und auf dem matschigen Boden verging. Er schloss die Augen und murmelte ein paar Worte. Der Entschluss war gefasst.
Der Augenblick gekommen.

Josef Bartonek war bester Laune. Zwei Abschlüsse in einer Woche wollten gefeiert werden und ein Besuch bei seinem Lieblingsitaliener schien da nur angemessen. Er nahm sein Weinglas, schwenkte den Inhalt, trank einen Schluck. Der Kellner huschte vorbei, wich geschickt einem Sessel aus, den ihm ein Gast unbedacht in den Weg schob. Die Lasagne schmeckte ausgezeichnet. Dem ersten Glas Nero d’Avola folgte rasch ein zweites.

‚Si signore, subito.‘ Francesco Locatelli drehte sich um und eilte in die Küche. Kam mit einem Teller Spaghetti Tarantina und einer Bruschetta wieder, die er zu dem Paar an Tisch fünfzehn trug, bevor er dem Herrn an Tisch zwölf die Rechnung brachte. Freitagabend kamen die Beine selten zur Ruhe.

Es war ein Kampf, der geduldig auszufechten war, dachte Judith Sokol und griff nach einer Serviette. ‚Du kannst doch nicht das Essen auf die Tischplatte legen, Melanie‘, rügte sie ihre Tochter, obschon zu sehen war, dass sie es konnte. ‚Wenn ich aber keine Artischocken mag‘, meinte Melanie trotzig, steckte sich ein Stück Pizza in den Mund und lugte verstohlen zu ihrem Vater. ‚Ich muss aufs Klo‘, sagte sie.

‚Nein, Liebes, das kriegen wir schon hin‘, meinte Thomas Gadenstätter und nahm die Hand seiner Frau. Sie lächelte und hob die rechte Augenbraue. Ob er sie wohl heute noch verführen wolle, fragte sie kokett und drückte zärtlich seine Hand. Dann hauchte sie ihm einen Kuss entgegen, ließ seine Hand los und griff zur Bruschetta.

Josef Bartonek lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Zufrieden betrachtete er die Schlieren, die der Wein im Glas hinterlassen hatte. Spitzte unwillkürlich die Lippen, als er sich an den Namen dieses Effekts zu erinnern versuchte, der ihm partout nicht einfallen mochte. Er saß am Fenster und aus dem Augenwinkel sah er den jungen Mann, der eilig das Lokal betrat.

Sein Glaube war fest, seine Seele rein. Er würde für eine gerechte Sache sterben. Mit entschlossenem Schritt betrat er den Raum, dessen Wärme ihn freundlich umfing. Er legte seine linke Hand an den Mantel, fühlte den Gürtel und die Drähte. Bemerkte einen älteren Mann, der ihn besorgt zu mustern schien. Spürte die Angst, die in ihm hochkroch wie ein Dämon. Ein kleines Mädchen stieß gegen seinen Oberschenkel, eine Frau rief ‚Melanie, pass doch auf!‘. Das Mädchen sah ihn verlegen an, entschuldigte sich höflich. Lächelte. ‚Amira‘, flüsterte er und wusste plötzlich nicht mehr, was richtig war und was falsch.

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