Holger läuft

Aus dem Alltag

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Holger läuft. Hetzt über den Bahnsteig, weicht einer Frau aus, die einen Kinderwagen schiebt, zwei Teenagern, die händchenhaltend seinen Weg kreuzen. Nicht auf die Stellen treten, wo die Steinplatten aneinanderstoßen, denkt er sich. Nicht in den ersten Waggon steigen, denkt er sich. Nie in den ersten Waggon steigen. Niemals.

Die Türen schließen hinter ihm. Die Türen des zweiten Waggons. Er ist außer Atem, aber er lächelt. Holger schaut auf, sieht Menschen, die auf Displays starren, in Gratiszeitungen, auf ihre Hände, aus dem Fenster. Niemand nimmt Notiz von ihm. Er grinst.

An die Nase fassen, an die Brust, an die hintere Hosentasche. Zur Tür gehen und am Griff rütteln. Dreimal. Die Seite wechseln, am Türgriff rütteln. Dreimal. Immer dreimal. Den Kopf senken und die Blicke ertragen. Die ersten Blicke. An der nächsten Station aussteigen und laufen, zum dritten Waggon laufen. Den Mann im grauen Anzug überholen, ein Kind zur Seite schieben, Entschuldigung murmeln. In den Zug steigen. Lächeln.
Blicke sehen. Enge Blicke.

Warten, bis der Zug abfährt. An die Nase fassen, an die Brust, an die hintere Hosentasche. Am Türgriff rütteln, dreimal. Die Blicke im Nacken spüren, dunkle Blicke. Tief Luft holen, sich umdrehen, die Frau mit den roten Haaren sehen, die ihn nicht aus den Augen lässt. Den Mann im grauen Anzug. Schaut auf eure Displays, in die Gratiszeitungen, auf eure Hände, will er schreien. Tut es nicht. Er geht zur anderen Seite, rüttelt am Griff. Dreimal. Wippt jetzt mit dem Kopf, dem Oberkörper auch. Alle sehen sie mich an, denkt er, glauben, dass ich verrückt sei. Sie verstehen nicht, denkt er. Fasst sich an die Nase, an die Brust, sein Blick klebt fest am Boden.

Zwei, die lachen, hinter ihm. Nicht umdrehen, denkt er sich. Bloß nicht. Warten und aus dem Fenster sehen, auf das Gegengleis, die Böschung. Auf den Bahnsteig starren, der näherkommt. Die Tür aufreißen, aussteigen, laufen. Ein Waggon, ein zweiter. Einsteigen, drei Schritte machen, mit der rechten Hand den Griff fassen, der von der Wagendecke hängt. Innehalten. Menschen sehen, die auf Displays starren, in Gratiszeitungen, auf ihre Hände, aus dem Fenster. Holger schluckt, senkt den Blick, wartet, bis der Zug anfährt. Fasst sich an die Nase, an die Brust, an die hintere Hosentasche. Eine Greisin schaut ihn an, lächelt.

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