Hühnerhaltung im Hinterhof

Aus dem Alltag

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Ein Blinzeln, ein Räkeln, ein rasch sich dem langsam erwachenden Bewusstsein entziehender Gedanke. Schön kann sie sein, diese Phase zwischen Schlaf und bewusster Wahrnehmung, in der die Türen zur Zwischenwelt einen Spalt weit aufgehen. Sagt man. Und diese Zwischenwelt wird heute wohl von Hühnern bewohnt, wie’s scheint. Weil dieses gutturale Glucksen, also eh nicht unangenehm, aber eindeutig Huhn. Da fragt sich der nun wache Geist natürlich, wo kommt das jetzt her, dein noch ziemlich kraftloser Körper ja grad nicht in Suttenbrunn oder Güttenbach oder meinetwegen irgendwo in Idaho und noch nicht einmal am Wolfersberg, sondern schön artig mitten drin im vierzehnten Wiener Gemeindebezirk verortet. Und das ist nicht unbedingt die Gegend, wo du kommerzielle Hühnerhaltung erwartest.

Und dann ein Handyklingelton, also so ein Kikeriki, mehr Hahn geht praktisch nicht. Denkst du dir: ja bist du g’scheit, welche Kreatur stellt sein Mobiltelefon so auf Anschlag, das können sie sicher noch in Purkersdorf drüben hören. Aber ein Blick in den Innenhof offenbart dann doch: nix Handyklingelton, sondern echter Hahn.
Das glaubst du nicht.

Reibt man sich also die letzten Reste Schlaf aus den Augen und staunt einmal mehr darüber, auf welche Ideen seine Nachbarn kommen, die haben ja ein kreatives Potential, da ist es schlicht ein Wunder, dass nicht jedes Jahr mindestens drei Nobelpreise nach Österreich wandern. Aber leider die Leute ganz schlecht im sinnvollen Bündeln ihrer Energie, da kommt dann hundertprozentig wieder nur irgendein Blödsinn raus. Ganz konkret in diesem Fall halt Hühnerhaltung im Hinterhof, was auf Neudeutsch ‚urban farming‘ heißt, deswegen aber auch nicht weniger lärmintensiv ist, wenn da so ein Gockel rumplärrt, als wär er auf einem Misthaufen in Herzogbirbaum.
Ganz ehrlich: auf so eine Idee kann auch nur ein Lehrer oder ein Arzt kommen.

Und während du mit einer merkwürdigen Mischung aus ungläubigem Staunen und fassungsloser Irritation das Fenster schließt, formt sich in dir der Gedanke wie eine Eisblume auf einer winterkalten Fensterscheibe: das ist der Arzt mit dem Eigengarten.
Und da siehst du wieder, wie sich auf wundersame Weise die universelle Hackordnung innerhalb der Ärzteschaft in deiner eigenen Hausgemeinschaft widerspiegelt. Weil ganz unten der Allgemeinmediziner und ganz oben, in der Dachgeschoßwohnung, der Unfallchirurg.

Lange gedauert hat es dann nicht, bis der Herr Doktor draufgekommen ist, dass so ein Huhn zum Scharren neigt und eine kleine Hühnerkompanie einer Rasenfläche rasend schnell den Garaus machen kann. Wer hätte das auch gedacht, sowas wird im Anatomiekurs ja nicht unterrichtet. Also wird die Geflügelzone drastisch verkleinert, da geht’s den Hühnern nicht besser als den Indianerreservaten im späten neunzehnten Jahrhundert, da schmilzt die Bewegungsfreiheit dahin wie weiland die Brennstäbe in Tschernobyl, dass von Freilandhühnern keine Rede mehr sein kann, also vom Tierschutz darf da keiner mehr vorbeischauen.

Aber so ist das halt mit den guten Absichten. Da will man glückliche Hühner und Eier mit unschlagbar kurzen Transportwegen und ist nach drei Tagen beim Hendl-Gulag angelangt, das hätt‘ der Stalin nicht besser hinbekommen.
Und wenn ihr mich jetzt fragt, was ist denn bloß mit dem Hahn geschehen, dann muss ich ehrlich sagen: den hat wahrscheinlich der KGB abgeholt, mitten in der Nacht. Das ist ein bisserl so wie damals im Hotel Lux in Moskau, wo auch einer nach dem anderen verschwunden ist und g’sünder war’s auch, wenn man nicht groß nachgefragt hat.
Ja, die Zeiten werden härter, wahrscheinlich nicht nur für Hühner.

Der Hahn jedenfalls ward nimmermehr gesehen.

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