Kleine Freiheit Nummer 7

Gastbeiträge

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Der Fensterrahmen. Die Vorhänge offen. Blick hinaus. Das Haus gegenüber. Eine schmale Straße. Ein Mann steht im Bademantel auf dem Balkon. In der Kälte. Es schneit. Er öffnet den fasrigen Gürtel.

Schmutziges Weiß. Rote Streifen. Ein dreckiger alter Bademantel. Ein kräftiger nackter Mann. Das Gesicht liegt in Falten. Wie schwarze Striche quer durch. Er streckt die Hände aus und fängt Schneeflocken. Er geht durch die Tür. Rückwärts mit Blick in den Himmel. Er kommt wieder, hat eine Literflasche in der Hand, setzt an, trinkt. Eine Frauenstimme schreit. Der Mann zieht den Bademantel aus.

Der Mann steht nackt im Schneetreiben und trinkt. Sein graues Haar wird weiß. Die Frau schreit lauter. Der Mann klettert über die Balkonbrüstung. Er springt. Zwei Meter. Parterre. Er bleibt liegen. Nackt. Die Flasche festgehalten. Tapfer. Der Mann trinkt Schluck für Schluck. Er steht auf. Die Stimme der Frau schallt über das Viertel. Reihenhäuser. Einfamilienschuppen mit Rasen in Badehandtuchgröße. Vierstöckige Mietblocks. Wohlsortiert und getrennt. Kaum Zwischenräume.

Der Mann geht die Straße hinab, vorbei an der Eingangstür. Weiter. Er geht. Nackt und breitbeinig. Bis zu seinem Auto, nimmt einen Schluck, steigt ein. Er fährt mit dem Wagen rückwärts bis vor die Haustür, kein Mensch kann hinein oder hinaus. Dann legt sich der nackte Mann auf das Autodach und wird von Schnee bedeckt. Er trinkt und lächelt.
Er ist sein eigener Himmel.

J. Monika Walther stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Schlug an vielen Orten Wurzeln. Studierte, promovierte, zog los in die Welt. Kehrte zurück und wurde sesshaft im Münsterland und in den Niederlanden. Wurde 1976 Schriftstellerin, ist es bis heute. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt „Der Mann ohne Hände“ (zusammen mit Monika Detering, Geest-Verlag 2020), „Dorf – Milch und Honig sind fort“ (Geest-Verlag 2020) und „Als Queen Elizabeth II. Schnaps im Hafen von Marne trank“ (Geest-Verlag 2018).
J. Monika Walther
Geest-Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei J. Monika Walther, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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