Kopfsache

Aus dem Alltag

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Ich sitze. Ich sitze am Bett eines Kranken.
Ich werde nicht lange hier sitzen.
Er wird nicht lange hier liegen.

Drei Monate zuvor: ein leichter Kopfschmerz. Ein Schwindelgefühl. Die Vorahnung, dass etwas ist, das nicht sein soll. Nicht gedacht werden darf. Bald ein Befund: Glioblastom.

Glioblastom, das: bösartige Geschwulst im Großhirn. Die Behandlung besteht in operativer Reduktion der Tumormasse, Bestrahlung und Chemotherapie.

Den Schädel öffnen. Den Tumor entfernen. Die Entscheidung treffen: nicht den ganzen. Zu groß, zu tief. Zu gefährlich. Ein Drittel bleibt. Bleibt im Kopf.

Aufwachen und halbseitig gelähmt sein. Immerhin: noch sprechen können. Sehen. Hören.
Schlucken.

Tumor, der: eine Neubildung von Körpergewebe, die durch eine Fehlregulation des Zellwachstums entsteht. Bösartige Tumoren werden umgangssprachlich auch als Krebs bezeichnet.

Fassungslos sein. Die Ärzte reden hören und trotzdem nicht begreifen. Die Bestrahlung ertragen. Das Leid nicht in Worte fassen können. Sich nach allem sehnen, das vor dem Kopfschmerz war.
Nach allem.

Bei der Strahlentherapie werden die Krebszellen mithilfe ionisierender Strahlung zerstört. Die Strahlung schädigt die Erbsubstanz der Zellen, sodass die Zellteilung aufhört und die Zellen untergehen.

Nach Hause kommen. Im Rollstuhl. Ins Haus, das man mit leichten Kopfschmerzen verlassen hat. Die Tränen in den Augen der Frau sehen. Die eigenen nicht bemerken.
Kein Monat später erfahren, dass der Tumor gewachsen ist.

Die mittlere Überlebenszeit liegt bei rund fünfzehn Monaten. Eine endgültige Heilung kann derzeit nicht erreicht werden.

Wieder den Schädel öffnen. Den Tumor entfernen. Den ganzen.

Aufwachen und gelähmt sein. Sehen können. Hören. Verstehen.
Sprechen nicht.

Die Frau hört von den Ärzten: Wenig Hoffnung. Wächst rasch. Sie müssen auf sich selbst achtgeben.

Palliativmedizin, die: Behandlung von Patienten mit einer nicht heilbaren Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung mit dem Ziel, die Lebensqualität des Kranken zu erhalten oder zu verbessern.

Die Frau hält seine Hand. Fragt: hast du Durst? Drück meine Hand. Einmal für ja, zweimal für nein.
Er drückt zweimal.

Er ist dreiundsiebzig Jahre alt.

Einundfünfzig. Sie wiegt nun einundfünfzig Kilo. Sieben weniger als vor zwölf Wochen.

Ich sitze. Sitze am Bett eines Kranken. Ich werde nicht lange hier sitzen, eine halbe Stunde bloß. Nur sitzen und seine rechte Hand halten. Ich will glauben, mit aller Kraft glauben, dass sein Schicksal nicht meines sein könnte.
Es gelingt mir nicht.

Ich öffne die Tür, trete ins Freie. Ein Sonnenstrahl blendet mich. Eine Kohlmeise landet im Geäst des Birnbaums.

Abschied, der: Trennung von jemandem, etwas.

Ich gehe. Drehe mich nicht um.
Lebe.

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