Leben

Aus dem Alltag

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War ich elf? Zwölf? Ich weiß es nicht mehr. Die Welt begann, die engen Grenzen des Dorfes zu verlieren. Der Sommer war heiß, die Insekten zahlreich, Angel Nieto raste auf seiner Garelli einem weiteren Weltmeistertitel entgegen.
Und unser Nachbar lag im Sterben.

Das erste Jahr Gymnasium, es zäh zu nennen wäre Euphemismus. Mit einem Mal vom Musterschüler, der nicht wusste, was das hieß: sich plagen, degradiert ins Mittelmaß. Ins untere. Zuweilen war ich heillos überfordert. Von der ungewohnten Zahl an Lehrern, der schieren Fülle an Fächern, dem durchwegs hohen Anspruchsdenken. Den vielen neuen Gesichtern, von denen mir kein einziges zuvor vertraut war. Einer neuen Sprache nicht zuletzt. Englisch, die größte aller Plagen. Ach, es war mir fern wie ein beliebiger Stern, der hell am Nachthimmel funkelte, stets präsent, doch unerreichbar. Ich verstand nichts, verwechselte alles und wurde allmählich mutlos.
Dann standen die großen Ferien vor der Tür, kamen über mich wie ein Rettungsring über einen langsam Ertrinkenden und zogen mich auf scheinbar sicheres Terrain. Für einen Sommer lang.

Herr P. war ein freundlicher Mann. Ein tüchtiger Maurer, fürsorglicher Großvater und Veteran als Ehegatte. Ein Wochenpendler, freudvoller Raucher und steter Gast in mancher Weinstube. Ein Mann wie viele andre auch.
Ein Mann, der nicht mehr lange leben sollte. Er hatte Lungenkrebs.

Es muss Ende Juli gewesen sein. Die Luft war geschwängert vom Duft ausgedörrten Grases, dem ekstatischen Zirpen hunderter Grillen und dem penetranten Gestank jener Chemie, die sich gefügig über die Weingärten ergoss. Mein Vater und ich, wir schlenderten die Gasse hinauf zu unserem Haus, sie schien entvölkert durch die Hitze. Linker Hand, wo keine Häuser standen, sondern uralte Rebstöcke, begannen die Trauben allmählich Farbe anzusetzen. Hohes Gras wucherte auf der Gstettn, die das schmale Asphaltband der Straße vom Weingarten trennte und allenthalben lugten Brennnesseln aus dem Dickicht hervor. ‚Griaß eich‘, sagte Herr P. zu uns, fast hätten wir ihn übersehen. Er stand in seinem Vorgarten, nah am Zaun, einen Strohhut auf dem Kopf und eine Zigarette in der Hand. Das Atmen fiel ihm sichtlich schwer. Wir traten zu ihm, mein Vater mit einem schalkhaften Glitzern im Blick, Zeugnis der paar weißen G’spritzten, wir kamen aus dem Buschenschank, und ich vor Furcht befangen. Jeder wusste, dass Herr P. bald sterben würde. Zwei Wochen zuvor erst hatten Ärzte seinen Brustkorb geöffnet, das devastierte Feld gesehen, das die Krankheit hinterlassen hatte, die Unzahl an Metastasen hilflos begutachtet. Und danach den Brustkorb unverrichteter Dinge wieder geschlossen. Mit irdischer Hilfe war nicht mehr zu rechnen.
Herr P. musste husten, wurde gebeutelt, geschüttelt, beinah in die Knie gezwungen. Rang verzweifelt nach Atem, der schließlich rasselnd und pfeifend doch in seine Lungen drang. Dann lächelte er und zog an seiner Zigarette. Er wolle noch einmal die Hitze auf seiner Haut spüren, meinte er beiläufig, als würde er von einem Sonntagsspaziergang erzählen oder von einem Picknick an einem kleinen, nachtschwarzen See. Wolle hören, wie die Grillen den Sommer bejubeln, die Kinder kreischend in winzigen Becken planschen. Rauch kam in dünnen Fäden aus seiner Nase, seinem Mund, als er langsam und erstaunlich ruhig ausatmete, die Stille genoss, die sich in seinem Inneren für einen Moment lang ausbreitete. Gerne hätte ich etwas gesagt, aber ich brachte kein Wort heraus. Ich hätte auch nicht gewusst, welches.
Aber instinktiv begriff ich, dass nicht wir ihm etwas zu sagen hatten, sondern er uns.

Ich weiß nicht, war es wirklich schon im neuen Schuljahr, dass ich mit dem Gymnasium Frieden schloss? Oder erst in dem darauf? Dass ich die Scheu ablegte vor der neuen Sprache, den fremden Worten. Und wie durch Zauberhand wieder zurückfand in die Spur, nicht mehr haderte mit scheinbar unlösbaren Aufgaben.
Im Sommer jedenfalls, als Angel Nieto auf seiner Garelli einem weiteren Weltmeistertitel entgegenraste, ging Herr P. aus einem Leben, das ihm keine Angst zu machen schien.

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