Leicht

Aus dem Alltag

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Auf dem Fensterbrett die Krähe. Reglos steht sie dort, schaut herein ins Zwielicht des Raums. Ob sie mich sehen kann, hier in meinem Krankenbett, oder sich bloß narren lässt von ihrem Spiegelbild?

Ich versuche, mich aufzurichten, es gelingt mir nicht. Ich lasse es bleiben, sinke zurück, ringe nach Luft. Ich ringe oft nach Luft in letzter Zeit. Werde es leid, will die Welt nicht als Mühsal begreifen. Will keine Last sein, niemandem. Ich schließe die Augen, wende mein Gesicht ab vom Fenster. Bin müde. Weiß, dass eine Träne in meinem Augenwinkel hängt.
Weine sie.

Ich träume. Muss träumen. Sitze auf einer Schaukel inmitten einer Blumenwiese. Die Schaukel ist knallgelb. Ist alt. An manchen Stellen löst sich Farbe in großen Stücken, schimmert die Grundierung durch. Ich schaue auf. Sehe einen Himmel, in dem nur wenige Wolken treiben. Fühle mich leicht. Sorglos. Stoße mich vom Boden ab, winkle die Beine an, nehme Schwung auf. Schaukle.

Ich schließe die Augen. Höre das Zirpen der Grillen, das Quietschen der Halterung über mir. Spüre das Metall der Stangen, an denen ich mich festhalte. Den Wind, wie er mir um die Ohren pfeift. Gehe auf in dieser Woge, die mich hebt und senkt. Hebt und senkt.
Denke nichts.

Ich öffne die Augen. Sehe, wie die Welt sich dreht. Wie sie schwankt. Um mich, die ich Fixpunkt bin im Universum. Sehe, wie meine Füße nach den Bäumen treten, den Vögeln, den Flugzeugen. Wie sie die Wolken berühren, ich höher und höher schaukle, bis mich die Sonne blendet. Sich ein Riss auftut, das Grün der Wiese im Blau des Himmels zerfließt.

Ich blinzle. Sehe, wie sich eine Gestalt löst aus dem Riss. ‚Karl‘, sage ich. Kann nicht glauben, dass er es ist. Sitze auf der Schaukel, die langsam ausschwingt. Sehe, wie er mit ruhigen Schritten auf mich zukommt.
Vor mir steht.
Mich anlächelt.
Sich zu mir beugt.

Nach der Schaukel greift und sie zum Stillstand bringt.

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