Pandora

Aus dem Alltag

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Im Nachhinein konnte er nicht sagen, warum er die Schublade geöffnet hatte. Ob es eine bewusste Tat gewesen war oder ein spontaner Impuls. Was er zuerst zu sehen bekam, war nicht einmal das Foto, das unter dem Schachcomputer lag, der seit den späten Neunzigern nicht mehr benutzt worden war. Der, wie er verblüfft feststellte, noch zu funktionieren schien und geduldig den ersten Zug einmahnte. Dann erst, nachdem er ihn wieder beiseitegelegt und die Haltbarkeit der Batterien gewürdigt hatte, bemerkte er das Foto.

Ihm war, als wäre die Zeit über ihren eigenen Schritt gestolpert. Als wäre sie aus dem Takt geraten, hätte für einen Augenblick die Orientierung verloren und ihn versehentlich, ganz und gar unbeabsichtigt in die Vergangenheit geschleudert. Als er das Foto betrachtete, sah, wie sie ihn aus ihren grau-grünen Augen anstrahlte, war er wieder achtzehn und achtzehn zu sein war ihm schon als Achtzehnjährigem als emotionale Zumutung erschienen.

Also stand er dort, in seinem Elternhaus, dem das Joch der Jahrzehnte, das auf ihm lastete, deutlich anzusehen war und das zu lindern sich dennoch niemand fand. Das Haus, längst zu geräumig geworden für die bescheidenen Bedürfnisse zweier Menschen, die alt geworden waren über dem geruhsamen Strom der Zeit, der ihr Leben umfloss, schien es geduldig zu ertragen. Jene bescheidenen Bedürfnisse waren es freilich auch, die sein Jugendzimmer bewahrt hatten vor den Heimsuchungen des Wandels.

Sandra. Wie lange mochte er nicht an sie gedacht haben? Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte waren vergangen seit dem wolkenverhangenen Nachmittag, an dem er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Zweieinhalb Jahrzehnte. Bekam die Zeit mehr Gewicht, wenn man sie säckeweise auf die Waagschale legen konnte?, fragte er sich und schüttelte ungläubig den Kopf. Nie hätte er gedacht, dass der Gedanke an sie ihn noch berühren, ihm mehr abringen konnte als eine milde Prise Nostalgie. Und doch stand er fassungslos vor ihrem Foto, war nicht imstande, seinen Blick von ihrem zu lösen, der in der Vergangenheit gefangen sein mochte und doch nicht gegenwärtiger sein konnte. Alles war plötzlich wieder präsent, die Begierde, die Liebe, die Eifersucht. Strömte mit einer Wucht auf ihn ein, der er kaum Herr werden konnte. Vorsichtig strich er mit dem rechten Zeigefinger über ihr Gesicht, berührte ihre Wange, ihre Lippen. Einen Moment lang war er überzeugt gewesen, ihr Haar zu riechen. Ein Funkeln in ihren Augen zu sehen. Wo, fragte er sich, hatten all diese Gefühle die Zeiten überdauert?

Ob es zwei Minuten waren oder zehn, in denen er reglos im Zimmer stand, konnte er nicht sagen, aber er lächelte, als die Zeit ihr Versehen bemerkt und ihn zurück in die Gegenwart gezogen hatte. ‚Sandra‘, flüsterte er, legte das Foto in die Schublade, verbarg es wieder unter dem Schachcomputer. Er zögerte einen Augenblick.

Dann schloss er die Lade und verließ das Zimmer.

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