Schande

Aus dem Alltag

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Die späte Kindheit, die frühe Jugend. Im Nachhinein waren diese Jahre die besten gewesen. Die sorglosesten. Der Vater trank zwar und im ärgsten Suff teilte er auch Schläge aus. Aber tranken und schlugen nicht alle Väter? Machte sie das nicht aus, die Männer? Die harte Arbeit, das Trinken. Die gelegentlichen Prügel, die das bisschen Macht festhielten, die sie über die Welt hatten.

Manchmal waren sie schneller gewesen, die Mutter, die Schwester und sie. Hatten sich in der kleinen Kammer einschließen können, wo sie sich aneinanderklammerten und warteten, dass das Toben im Nebenraum verebbte. Rasselndem, trunkenem Schlaf wich. Nie würde sie das Gefühl vergessen, wie das war: den Prügeln entkommen zu sein. Vorerst.

Aber da war auch ihre Jugend, ihre Zuversicht. Die Gewissheit, dass es nicht schlecht war, das Leben. Und dass es noch besser werden würde, jetzt, wo der Krieg schon Jahre zurücklag. ‚Vaterlandsverräter‘ nannte man die Familie noch allenthalben. Weil ihr Bruder, der zwanzig Jahre ältere, im Widerstand war. Das Vaterland verraten, wie schrecklich das klang. Ein Vaterland, das die Heimat mit Kreuzen überzog. Hakenkreuze, Mutterkreuze, Grabkreuze.

Und da war auch ihre Freundin Irene. Blonde Haare, Sommersprossen. Ein Lachen, das einen an blühende Wiesen denken ließ und an Kühe, die gemolken werden mussten. Eine Freundin, wie man sie nur findet, wenn man ganz jung ist und nichts weiß von der Welt.
Das Leben war leicht, solange der Vater fern war.

Dann die Burschen. Die Neugier auf das andere, das Verbotene. Das Tanzen und Küssen. Die Lust. Die Angst. Das Drängen und Nachgeben. Werden wir heiraten? Wir werden. Nach der Hochzeitsnacht.

Schwanger. Das Unwort. Der Bräutigam, Bürgermeistersohn aus G., will nichts mehr wissen von Liebe oder gegebenen Versprechen. Der Bürgermeister zürnt. Eine, die nichts ist. Nichts hat. Der Bruder ein Vaterlandsverräter. Besser den Fehltritt totschweigen.
Wie die Vergangenheit auch.

Achtzehn, ledig, schwanger. Hinaus aus dem Dorf, die Schande ist zu groß. Nach Wien, wo sie niemanden kennt außer den Bruder. Den, der elf Jahre älter ist, Geschwister gibt es viele. An einem trüben Tag ein Kind gebären, das behindert ist. Ein Kind der Schande, murmeln die Nonnen. Ein Zeichen. Tauft es wenigstens, sagt sie, und sie taufen es.

Der Vater soll sein Kind sehen, einmal nur, sagt sie. Sagt es immer wieder. Er weigert sich, will es nicht. Das Mädchen lebt drei Monate und sechzehn Tage.
Stirbt an einem Sonntag.

Ein Armengrab am Zentralfriedhof, für mehr langt das Geld nicht. Zu dritt stehen sie am Grab, der Priester, der Bruder und sie. Die Totengräber warten ungeduldig in der Nähe. Die Sonne müht sich hinter den Wolken hervor. Die junge Mutter, die keine Mutter mehr ist, steht stumm vor der offenen Grube.

Sie kehrt zurück ins Dorf, das so tut, als wüsste es von nichts. Das Schweigen hilft, lässt die Schande unter die Oberfläche driften. Vergessen wird sie nicht.

Die späte Kindheit, die frühe Jugend. Im Nachhinein waren diese Jahre die besten gewesen. Die sorglosesten. Auch wenn sie später einen Mann heiratete, mit dem sie alt wurde. Ihr kleines Glück fand und manchmal sogar ein großes. Zwei Kinder bekam, die nichts wussten von Vätern, die tranken und schlugen.
Zum Armengrab ging sie nie wieder.

Rosemarie. Das Mädchen hieß Rosemarie.

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