Traumfänger

Aus dem Alltag

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Als Jakob Lauer die Augen öffnete, wusste er drei Dinge mit äußerster Bestimmtheit. Dass männliche Buckelwale ausschließlich zur Paarungszeit sangen. Dass er nie in der Lage sein würde, das zweite thermodynamische Gesetz in einem brauchbaren Bereich seiner Großhirnrinde zu speichern.
Und dass er keine Ahnung hatte, in wessen Bett er lag.

Er hob seinen Kopf und betrachtete ein ihm unbekanntes Zimmer. Sah Licht durch fliederfarbene Vorhänge fallen, einen Traumfänger über seinem Kopf hängen. ‚Irene‘, dachte er. ‚Oder doch Iris?‘ Ihm war übel und der Blick auf die Bettwäsche im Alpenrosendesign konnte diesen Zustand nicht mildern. ‚Herrschaftszeiten‘, dachte er, und dies war eine Leistung, die ebenso viel Anstrengung in sich barg wie Erkenntnis. ‚Herrschaftszeiten‘, dachte Jakob Lauer also.
‚Langsam werde ich zu alt für solche Sachen.‘

Er griff sich an die Schläfen und massierte sie vorsichtig. Hörte das entfernte Blubbern und Zischen einer Kaffeemaschine. Roch den Kaffee, dessen Duft langsam in den Raum sickerte. Hörte das weit nähere Gurgeln, das in seinen Innereien hauste. ‚Filterkaffee‘, dachte er und kämpfte gegen die Übelkeit an.
Lag nackt in einem Bett im Alpenrosendesign und versuchte, sich zu erinnern.

Eigentlich war er nicht der Typ Mann, der in fremden Betten erwachte, weder nackt noch angezogen. Eigentlich war Jakob Lauer ein ziemlicher Langweiler, der Dinge wusste, bei deren Erwähnung andere für gewöhnlich den Gesprächspartner wechselten. Eigentlich hatte er keine Ahnung, warum er sich gedacht hatte, langsam zu alt für solche Sachen zu werden.
Wo er doch nie im richtigen Alter für solche Sachen gewesen war.

Er versuchte aufzustehen, was sein Magen als Startsignal zur Rebellion wertete und ihn schnell wieder ins Bett zwang. Umsichtig wie er war, entschied er sich für die stabile Seitenlage. ‚Irene‘, dachte er, nachdem er erfolgreich gegen einen Würgereiz angekämpft hatte. Flüsterte es schließlich auch. Irene hieß sie also, dessen war er sich nun so sicher, wie er wusste, dass männliche Buckelwale ausschließlich zur Paarungszeit sangen.

Er hatte sie in dieser Bar kennengelernt, in die nur die Hoffnungslosen gingen und die Professionellen. Dass sie keine Professionelle war, hatte er sofort gewusst. Sie war zu nervös gewesen. Hatte zu viel getrunken. Was er nicht gewusst hatte, war, dass er bereits jenen Punkt der Hoffnungslosigkeit überschritten hatte, der ihm endlich zur Leichtigkeit verhalf. Jener Leichtigkeit, die ihn für mäßig betrunkene, doch überaus aparte Frauen attraktiv machen konnte.
Solange er die Weisheit aufbrachte, nicht über das Paarungsverhalten von Buckelwalen zu sprechen.

Jetzt, da Jakob Lauer in einem Bett im Alpenrosendesign lag und seinen nackten Hintern gegen eine weiße Wand presste, fiel ihm manches wieder ein. Er konnte sich an einen Abend erinnern, der sorglos war und reich an schwerem Rotwein. An jenen Moment, als ihre Hand nach dem Glas gegriffen und seine Finger berührt hatte. An die ersten Küsse, die sie weggeführt hatten von der Bar und dem Wein. Zu ihrer Wohnung, wo noch mehr Küsse warteten und Alkohol. Wo der Abend zur Nacht wurde und die Nacht zum Traum.

Jetzt, da Jakob Lauer in einem Bett im Alpenrosendesign lag und der Brechreiz schwand, während das Gurgeln in seinen Innereien an Stärke gewann, wusste er auch wieder, wie leicht das Leben sein konnte. Wie ungezwungen der Sex. Zweimal hatten sich seine Hände im Traumfänger verheddert, zweimal hatte sie ihn zärtlich befreit.
Nie hatte er sich freier gefühlt als in dieser Nacht.

Jetzt, da Jakob Lauer in einem Bett im Alpenrosendesign lag und seinen nackten Hintern gegen eine weiße Wand presste, hätte er nicht die falsche Entscheidung treffen sollen. Es wäre besser gewesen, nicht dem unduldsamen Drängen nachzugeben, das in seinem Inneren tobte. Es wäre besser gewesen, der Wand nicht ihr Weiß zu rauben und der jungen Beziehung die Zukunft.

Als Jakob Lauer die Augen schloss, wusste er eine Menge Dinge. Wie er diese Wohnung mit Würde verlassen konnte, wusste er nicht.

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