Zeichen

Aus dem Alltag

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Kehre fünf war kein sicherer Ort. Wer sie befuhr, mochte nichts Böses ahnen, sah eine Kurve, wie man sie Dutzende Male fand in der Gegend, mit engem Radius, Rissen im Asphalt, einem Abhang hinter der Leitschiene. Eine Kurve zweifellos, die Achtsamkeit gebot. Die Zahl jener aber, die in Kehre fünf ihr Leben verloren, blieb unerklärlich, warf Fragen auf, die niemand zu beantworten wusste, schien in keinem rechten Verhältnis zu stehen zur Gefahr, die sich den menschlichen Sinnen erschloss.

Vier Holzkreuze standen am Straßenrand, erinnerten an das Unglück vergangener Tage, drängten sich aneinander als gelte es, sich gegenseitig Trost zu spenden. Gras schmiegte sich an die Leitplanken, strich über den Stahl, wenn Wind aufkam, ragte, war es hoch genug, über die Querbalken der Kreuze, die Namen trugen, die im Dorf jeder kannte. Dreizehn hätten es sein können, doch die Namen der Ortsfremden fanden ihren Weg nicht auf ein Kreuz, eine Plakette, eine Gedenktafel. Wer dem Dorf im Leben fremd war, der blieb es auch im Tod.

Geredet wurde viel an den Stammtischen, im Pfarrhaus, in der Frisierstube Gamsbart, gewusst wurde nichts. Die meisten waren zufrieden damit, ihren eigenen Erzählungen Glauben zu schenken, die auf Gehörtem, Zusammengereimtem, selbst Erfundenem fußten, überboten einander mit Theorien, die ebenso wagemutig waren wie weltfremd. Niemand störte sich daran.
Kaum jemand noch im Ort, der sich an die Zeichen erinnerte, und tat er es doch, vergaß er sie sogleich, sah die Verbindung nicht zu den Unfällen, hätte sie auch nicht glauben können.
Zu verwegen schienen die alten Geschichten. Zu dunkel ihr Substrat.

Josefa Deutinger erinnerte sich. Hatte nicht vergessen.
Wusste um die Rote Frau.
Schwieg, weil reden nicht half.

Der Fels war ein Hindernis gewesen, nichts weiter. Ein Ärgernis, das den Bau der Straße verzögert hatte. Auch wenn er einzigartig war in dieser Gegend, die nirgends sonst Vulkangestein kannte, bloß Schiefer und Gneise – er musste weg. Dass er Zeichen trug, die niemand lesen konnte, keiner verstand, kümmerte nicht.
Was wog ein Fels, verglichen mit dem Fortschritt?

Der alte Gaisreiter hatte gewarnt. Seid ihr blind? hatte er gefragt. Nur weil ihr die Zeichen nicht lesen könnt, achtet ihr sie nicht? hatte er gefragt.
Ein Kult, der seine Gläubigen verliere, behielte dennoch seine Macht, hatte er gesagt. Wer an Dingen rühre, die er nicht verstehe, trage Konsequenzen, die er missdeuten werde.
Den Menschen im Dorf klang es wie ein Fluch.

Josefa Deutinger war acht, als die Straße gebaut, der Fels gesprengt wurde. Sie war die einzige, die begriff, dass der alte Gaisreiter recht hatte. An ihrem vierzehnten Geburtstag, zwei Monate vor seinem Tod, erzählte er ihr von der Roten Frau. Zwei Stunden hatte er geredet. Als er gesagt hatte, was zu sagen gewesen war, stand er auf, brachte ihr einen Schnaps. Sie trank ihn ohne Widerrede.

Moritz Leitner würde zu spät kommen, soviel stand fest. Wie er sie leid war, diese Besprechungen am Freitagnachmittag, die selten ohne wichtigtuerischen Schwätzer auskamen. Ulrike hatte sich damit abgefunden, aber die Kinder verstanden es nicht, wollten ihren Vater sehen, bevor sie zu Bett gingen. Er würde sie auch diese Woche enttäuschen. Moritz Leitner beschleunigte, überholte einen Kastenwagen, der schnell kleiner und kleiner wurde im Rückspiegel. Die Kehren waren nicht mehr weit, bald würde er zu Hause sein.

Wer Kehre fünf befuhr, mochte nichts Böses ahnen. Er sah eine Kurve, wie man sie Dutzende Male fand in der Gegend, mit engem Radius, Rissen im Asphalt, einem Abhang hinter der Leitschiene. Eine Kurve zweifellos, die Achtsamkeit gebot. Moritz Leitner wusste das. Auch, dass er zu schnell fuhr. Was er nicht wusste war, woher die Frau kam, die auf der Straße stand, auf seiner Fahrspur. Die, als er versuchte, ihr auszuweichen, keine Regung zeigte, kein Entsetzen, keine Furcht. Bloß die Arme hob, bevor er sie touchierte, touchieren musste.

Sein Herz klopfte hart in der Brust, die Finger krallten sich um das Lenkrad, waren weiß geworden an den Spitzen. Er zitterte. Löste den Gurt, öffnete die Autotür. Einen Aufprall, dachte er, hatte er nicht gespürt. Er konnte nicht glauben, dass sie noch an derselben Stelle stand. Unverletzt schien. Als er auf sie zuging, erleichtert, wütend auch, wunderte er sich über das leuchtend rote Kleid, das sie trug. Fragte sich, ob es eine Täuschung war, wie es kam, dass dieses Rot mit jedem Schritt intensiver wurde, zu pulsieren begann. Konnte keinen Gedanken mehr fassen, als die Frau ihre rechte Hand in seine Richtung streckte und die Welt in Rot ertrank.

Hubert Schoiswohl war Installateur, Nebenerwerbslandwirt, langjähriges Mitglied des örtlichen Kleintierzüchterverbands. Fahrer eines weißen Kastenwagens.
Der Mann, der Moritz Leitner fand.
In Kehre fünf.

Fahrfehler infolge überhöhter Geschwindigkeit stand im Polizeiprotokoll. An den Stammtischen, im Pfarrhaus, in der Frisierstube Gamsbart wurde anderes geredet. Gewusst wurde nichts.

Wind kam auf, als Josefa Deutinger im weglosen Gelände oberhalb von Kehre fünf Zeichen in Gestein ritzte, das merkwürdig fremd wirkte in diesem Landstrich. Er trug den Rauch der Wacholderzweige, die sie verbrannte, über die Böschung, die Straße, an den Holzkreuzen und Leitplanken vorbei, trieb einen roten Stofffetzen davon, der sich in einer Distel verfangen hatte. Josefa Deutinger richtete sich auf, streckte den Rücken, stemmte die Hände in die Seiten, sah dem Rauch hinterher. Sah Hoffnung.

Moritz Leitner würde leben.

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