Zweifel

Aus dem Alltag

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Es schien, als würde der Regen die Welt säubern wollen, so heftig fiel er. Und ließ sie doch schmutzig zurück. Schmutziger als er sie vorfand, womöglich. Im Innenhof hatte der Sturm eine Mülltonne umgeworfen und Regen und Wind wühlten nun in ihrem Inneren wie eine Horde Hyänen in einem toten Zebra. Nur dem Grau der Feuerwand, auf die die junge Frau blickte, war nicht beizukommen. Kein Regen konnte das und auch kein Windstoß. Farbe hätte es vermocht.
Eine Taube duckte sich unter einen Vorsprung, presste ihre Flügel eng an den Körper. Ließ über sich ergehen, was nicht zu ändern war.

Die Frau schloss das Fenster. Über sich ergehen lassen, was nicht zu ändern war, wiederholte sie im Stillen und setzte sich auf die Couch. Zog den Polster zu sich heran, der gelb war und rot und auch ein wenig rosa und so ganz anders, als der Tag draußen. Oder die Feuerwand. Wieviel galt es zu dulden?, fragte sie sich. Und ab welchem Punkt war Veränderung nichts anderes als Flucht?
Wann betrog man sich selbst?

Sie war jetzt sechsundzwanzig. Hatte einen Hochschulabschluss, eine Fixanstellung, ein solides Gehalt. Und jede Menge Zweifel. Es hatte nicht lange gebraucht, um die Mühsal zu entdecken, die in einem großen Unternehmen hauste wie ein Gespenst in einem verwunschenen Schloss. Die starren Normen. Die rührende Inkompetenz, die einem allenthalben begegnete, weil schon wieder einer über die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit hinaus befördert worden war. Sie griff nach dem E-Book-Reader und verbrachte fünf belanglose Minuten damit, auf dieselbe Seite zu starren, ohne etwas davon wahrzunehmen. Sie legte ihn wieder beiseite. Vielleicht sollte sie sich selbstständig machen, dachte sie. Ihr eigener Boss zu sein würde die seltsame Leere tilgen, die sie in sich fühlte.
War das Initiative? Oder Flucht?

Sie ahnte die Tücken, die der Selbstständigkeit anhafteten. Das saftige Grün, das vermeintlich auf der anderen Seite der Lohnarbeit lauerte, entpuppte sich allzu oft als dürres Gras. Sie wusste das. Und fühlte auch, dass es ihr ging wie jemandem, der tauchen wollte und nicht wusste, was das war: Wasser. Sie stand auf und holte sich ein Glas Orangensaft. Eine Böe trieb den Regen gegen die Scheibe. Auf dem Balkon schräg gegenüber war ein Blumentopf umgestürzt, Erde ergoss sich über den Boden. Die Taube saß noch immer unter dem Vorsprung und wartete.
Wartete wie sie.

Worauf eigentlich?, fragte sie sich. Dass ich älter werde? Mutloser? Angepasster? Sie stand mitten im Raum, das Glas mit dem Orangensaft in der linken Hand und einer Rastlosigkeit in der Seele, die schwer auszuhalten war. Überhaupt diese Unruhe, die sie kaum schlafen ließ in letzter Zeit. Diese Zerrissenheit. Wie lange konnte das so weitergehen? Der Zweifel nagt mit scharfem Zahn, dachte sie. Man spürt den Biss nicht. Fühlt nur, dass etwas fehlt.

Sie blickte auf, schaute auf den Orangensaft, den sie noch immer in ihrer linken Hand hielt. Hörte einen Nachbarn rufen, verstand ihn nicht. Sah schließlich aus dem Fenster.
Die Taube war verschwunden.

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