Zweimal
- August 07, 2026
- by
- Manfred Lipp
Mein lieber Vater. Ich sitze an Deinem Schreibtisch und sortiere die losen Enden Deines gewesenen Lebens. Schwierig ist es nicht, denn die Ordnung, die Du immer gehalten hast, wirkt über Deinen Tod hinaus und Du sollst wissen, dass ich Dir dafür dankbar bin. Im Haus ist es still geworden; sein Puls ist nun, da Du fehlst, ein anderer. Die Nachbarn haben mich schon gefragt, was mit ihm geschehen soll, sie ahnen wohl, dass ich nicht bleiben werde. Aber Du, Du weißt es ja, Vater: dass ich gehen muss. Und Du weißt auch, dass ich dieses Haus, das mir Heimat war, in gute Hände legen werde.
Ich habe mich oft gefragt, welche Ängste Du meinetwegen durchleben musstest. An diesem Tisch sitzend schriebst Du all die Briefe, die mich an der Front erreichten oder im Lazarett. Du konntest nicht wissen, ob ich wiederkehren würde, konntest nur ahnen, welche Wunden mir der Krieg schlug. Dass ich wieder nach Hause fand, ist, scheint mir, nur der Laune des Zufalls geschuldet; es war nicht viel, das ich beitragen konnte. Du aber glaubtest nicht bloß an meine Rückkehr, Du wusstest um sie. Und dieses Wissen, lieber Vater, gab mir Halt und Willen. Du hast mich zweimal ins Leben gebracht.



