Altersfrage

Aus dem Alltag

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Es war der Schrei eines Kindes, der ihn weckte. So also, dass Georg Santner erwachte, die Augen öffnete, blinzelte. Er fand sich im Garten wieder, auf der Liege, im Schatten des alten Birnbaums, den sein Großvater gepflanzt hatte. Die Lider noch schwer, tat er einen tiefen Atemzug, streckte sich, sah in den wolkenlosen Himmel. Das ist nicht schlimm, hörte er die Nachbarin sagen. Hörte dann den Buben, der Antwort gab, mit zittriger Stimme. Er weinte nicht mehr.

Georg Santner stand auf, ging ins Haus. Wo warst du so lange? fragte ihn seine Frau. Ich habe wohl eine Weile geschlafen, sagte er, kratzte sich am Hinterkopf. Es ist schön draußen. Er setzte sich. Was hältst du davon, wenn wir zum See fahren?
Helga lachte. Wirst du romantisch auf deine alten Tage? neckte sie ihn, strich sich durchs Haar.
Warum nicht? Er nahm seine Brille ab, kniff die Augen zusammen, sah sie an. Haben zwei alte Menschen kein Recht auf Romantik? fragte er, zwinkerte.
Zeit haben sie allemal, sagte Helga und griff nach seiner Hand. Fahren wir!

Es war Mittwoch und obwohl der Tag ungewöhnlich heiß war, hatten sie den Abschnitt des Sees, der ihnen der liebste war, für sich alleine. Helga breitete eine Decke am Boden aus, keine zehn Schritte vom Ufer entfernt, wo eine Ente ins Wasser stieg und sich rasch entfernte. Wie klar das Wasser ist, sagte Georg, sah den Fisch, der sprang, nach einem Insekt schnappte, wieder verschwand. Zwei Libellen umkreisten einander im Flug. Lass uns essen, sagte Helga, deutete auf das Brot, die Oliven, die getrockneten Tomaten. Georg nickte, ging zum Korb, griff nach der Weinflasche, öffnete sie.

Was für eine wunderbare Idee, sagte Helga, sah über den See, drehte sich zu Georg, lächelte. Danke.
Ich hätte noch eine.
Und die wäre? Sie zog die linke Augenbraue hoch.
Er liebte diese Geste, auch nach siebenundvierzig Ehejahren noch, liebte sie wie an jenem 2. April, an dem er Helga zum ersten Mal begegnet war. Wir gehen jetzt baden.
Sie nickte, sah in seinen Augen, dass da noch etwas war.
Nackt, sagte er.

Du spinnst.
Wieso? Es ist niemand da außer uns.
Wir sind zu alt, Georg.
Wofür? Um zu baden?
Um nackt zu baden.
Hast du Angst, die Fische zu erschrecken?
Ich habe Angst, dich zu erschrecken.
Er lachte, sagte nichts, legte den Arm um sie, küsste sie. Sah sie dann an, eine ganze Weile, küsste sie abermals, stand auf, legte seine Kleidung ab, Stück um Stück. Als er nackt vor ihr stand, mit seinen schlaffen Oberarmen, dem runden Bauch, den vielen Altersflecken auf den Händen, auf der Brust, öffnete sie den ersten Knopf ihrer Bluse, lächelte.

Abends dann, dass sie beisammensaßen, auf der Veranda, ein Glas Wein tranken, auf das Zirpen der Grillen hörten und das Lachen des Nachbarsbuben, der nicht von der Schaukel stieg, bis die Dämmerung den Tag raubte, ihn die Mutter ins Haus rief.

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