Posts by Manfred Lipp
Ein Leben

Ein Leben

Johann Bretschneider war achtzehn, als er sein Bajonett in den Rumpf eines russischen Soldaten stieß. Er wusste, dass er keine Wahl hatte, wollte er überleben, diesen Tag, diese Stunde; diesen verdammten Krieg, den er nicht als den seinen begreifen konnte. Er schloss die Augen, als er das Gewehr mit einer raschen Bewegung nach links riss,...

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Vergína

Vergína

Griechenland hat er geeint, die Macht Thebens gebrochen, auch jene des stolzen Athens; die Welt der Polis ist nicht mehr. Friede könnte nun sein, ein dekretierter, erzwungener, echter; doch Friede, er ist nicht sein Geschäft. Schon sammelt sich das Heer zum Feldzug gegen Persien, stehen Truppen am Hellespont, ziehen dunkle Wolken auf im Osten. Allein,...

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Phantast

Phantast

Du wirkst besorgt. Was bedrückt dich? –
Sieh dich um. Steht die Welt nicht am Abgrund? –
Und sie wird genesen, wenn du dich grämst? –
Sei nicht töricht. Wie kann ich gleichgültig sein gegen das Leid in der Welt? –
Wer die Augen öffnet, der sieht. Und wer sieht, der entscheidet: schaut er hin...

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Wendekreis

Wendekreis

Das Alter, sagt man,
mache nachsichtig
und milde.
Mir leiht es die Gabe
der Wut.
Schwach, ja: schwach!
mögen die Augen jetzt
sein,
doch das Unrecht haben sie
nie schärfer
gesehen.
Dem Falschen will ich
Namen geben,
die Glücksritter verspotten,
meine Wut will ich
stillen an der Quelle
der Gier.
Und hegen will ich
die...

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Atempause

Atempause

Hans Taschner trat ins Freie, hob den Kopf, sah zu den Wolken, die träge am Himmel hingen. Einen Moment lang, dass er Lust hatte, eine Zigarette zu rauchen, doch er widerstand, tat es nicht. Irgendwo, nahe, sang ein Vogel. Taschner senkte den Blick, sah das Gras, das frisch gemäht war, eine Amsel, die nach einem...

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