Tschuldigung, der Herr

Aus dem Alltag

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Man möge ihm verzeihen, sagte der Mann im dunklen Anzug, aber er sei zuweilen ein wenig klamm, was das Finanzielle beträfe. Ob man ihm vielleicht mit ein paar Euros aushelfen könne? Ich stutzte. Mir schien, gewählter hätte sich wohl kaum je ein Bettler ausgedrückt, aber schließlich waren wir in Wien und das Burgtheater bloß einen Steinwurf entfernt. Da durfte man schon ein gewisses sprachliches Niveau erwarten.

‚Entschuldigung‘, murmelte ich, mit dieser eigenwilligen Mischung aus Verlegenheit, Scham und Ungehaltenheit, die mich stets in solchen Situationen befällt. Wie kommt man eigentlich dazu, von wildfremden Menschen um Geld gebeten zu werden? Und wofür entschuldigte ich mich gerade? Der Mann sah mir in die Augen, er wirkte nicht enttäuscht. Er hatte meine Ablehnung erwartet. Er hörte viele.

‚Ist schon in Ordnung‘, sagte er ruhig, löste seinen Blick von mir und ging weiter. Ich sah ihm nach. Sein Anzug war alt und abgetragen, der linke Schuh hatte ein kleines Loch an der Hinterkappe. Er hatte keine Taschen dabei, in denen er seine Habseligkeiten transportiert hätte. Er hinkte leicht.

Ich musste an den jungen Mann denken, den ich vor Jahren in der U-Bahn gesehen hatte und dem man seine Drogensucht von weitem ansah. Er wusste wohl, dass ihm kaum jemand seine Geschichte mit den paar fehlenden Euros für das Bahnticket glauben würde, sie war ja auch nicht besonders originell. Er hatte keine Chance. Dennoch kämpfte er sich durch den ganzen Zug und wurde doch nur immer verzweifelter. Bis er in der Reihe vor mir nicht mehr konnte, auf die Knie sank und zu weinen begann. Er weinte die bittersten Tränen, die ich je mitansehen musste. Eine junge Frau kramte verlegen nach ein paar Münzen. Eine ältere Frau meinte, er solle zu weinen aufhören, das bringe nichts. Er brauche kein Geld, weder viel noch wenig. Er brauche Mut und den Willen, sein Leben in die Hand zu nehmen.
Ich sah ihn noch ein einziges Mal. Er ging durch die Reihen und bat um Geld für ein Bahnticket. Es fehlten ihm nur noch wenige Euros.

Wie ungleich wortgewandter sich der Mann eben ausgedrückt, wie abgeklärt er gewirkt hatte. Oder verwechselte ich bloß innere Ausgeglichenheit mit Resignation? Plötzlich tat mir meine Gleichgültigkeit leid, wich meine Abwehrhaltung. Ich sah mich nach ihm um, ging in die Richtung, die er zuvor genommen hatte. Weit konnte er noch nicht gekommen sein, vielleicht war er da vorne zu finden. Ich suchte ihn, mindestens fünf Minuten lang. Doch ich fand ihn nicht.

‚Tschuldigung, der Herr, hätten S‘ vielleicht a bisserl Kleingeld für mich?‘ Instinktiv sage ich ‚Es tut mir leid‘ und schüttle den Kopf. Aber als der alte Mann ‚Macht ja nix‘ sagt, als würde er mich trösten wollen, fische ich einige Münzen aus meiner Geldbörse und gehe ihm hinterher.

Aber nie wieder hat man mich gebeten, dass ich ihm verzeihen möge. Er wäre zuweilen ein wenig klamm, was das Finanzielle beträfe.

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