Der Herbst, der Wind und die Väter

Aus dem Alltag

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Und plötzlich fiel das Laub. Eben noch kraftvoll und grün, sank es nun bunt und leblos zu Boden, so schnell fallen sonst nur die Umfragewerte der SPD. Bienen, Wespen und Hornissen tummeln sich einträchtig beim Efeu und sogar ein Schmetterling zieht noch trudelnd seine Bahn und verschwindet hinter der Winde beim Nachbarn. Überhaupt die Prunkwinde, die nun ihrem Namen alle Ehre macht. Den ganzen Sommer lang hing sie hartnäckig der These an, Wachstum sei deutlich wichtiger als Blüte. Folglich gebärdete sie sich, als wäre sie eine bislang unentdeckte Schlingpflanze vom Orinoco und überwucherte den benachbarten Efeu. Der freilich ertrug es in stoischer Ruhe und profunder Kenntnis der Lage. Er wusste, wer hier einjährig war und wer nicht.
Jetzt, in der Mitte eines wahrlich goldenen Oktobers, hatte die Winde wohl Kenntnis erlangt ob ihrer baldigen Endlichkeit. Und beschenkt uns täglich mit zwei Dutzend Blüten.

Der wilde Wein am Vorgartenzaun kleidet sich in ein blutrotes Gewand und sonnt sich in der Aufmerksamkeit der Passanten. Es sind wenige geworden dieser Tage, dem prächtigen Wetter zum Trotz. Der Mensch, so scheint es, richtet sich eher nach dem beständigen Kalender als der unsteten Wetterlage. Astern und Chrysanthemen, die Nachhut des Gartenjahres, stehen in voller Blüte und wundern sich wahrscheinlich, weshalb die Sommergewächse so derangiert aussehen. Tulpen und Narzissen kennen sie überhaupt nur als mickrige Zwiebeln und ein paar von denen sind sogar dreiste Neuankömmlinge, die es sich in einem Kosmos bequem machen, der von Stauden und Sträuchern regiert wird. Ja, es mag wohl nicht immer nur Eintracht herrschen in so einem Beet, auch wenn wir uns die Natur gerne schönreden.

Die Erdwespen unter unserem Gasanschluss haben den Flugbetrieb noch nicht eingestellt. Aber sie sind weniger geworden. Auch wenn der Herbst milde ist, bittet er doch allmählich zum letzten Tanz für die meisten da draußen. Spätestens im November wird dann Sperrstunde sein. Die Nachbarskatze, die monatelang beharrlich und zunehmend mürrisch das Tageslicht gemieden hat, sonnt sich auf dem Steinboden und selbst ihr massiger Katzenkörper wirft Schatten, die länger und länger werden.

Herbst, das bedeutet auch Sturmfest im Kleingartenverein und Erntedankfeiern am Land. Und Väter mit Drachen. Längst sind sie zum perfekten Alibi geworden, die Buben, denen ein digitales Erlebnis allemal reizvoller erscheint als dieses analoge Gerenne und Gezerre, das den Altvorderen offenbar so gefällt. Weshalb, das ließe sich allenfalls erahnen, brächte man nur genügend Zeit auf, den Blick vom Display abzuwenden. Dann würde man sie beobachten können, die Väter, wie sie laufen und mit den Händen fuchteln, sich ekstatisch freuen und mitunter das eine oder andere wüste Wort ausstoßen.
Dann könnten sie sehen, was der Herbst und der Wind aus ihren Vätern macht. Wie sie für einige Momente wieder werden, was sie früher einmal waren. Buben, die ihren Drachen steigen lassen.

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