Hinterher

Hinterher

Ich habe doch niemanden mehr, sagt Mutter. –
Bin ich niemand? frage ich. –
Du bist nie hier, meint sie. Du lebst so weit weg. –
Kinder werden erwachsen, antworte ich. Sie ziehen fort. –
Ich weiß, flüstert Mutter. Ich mache dir keinen Vorwurf. –
Ich schweige, beiße mir auf die Unterlippe, halte das Telefon weg von mir. Es klingt wie einer, sage ich schließlich. –
Ich meine es nicht so, sagt sie. Wirklich nicht. Aber ich will nicht lügen. Das Alter macht einsam. –
Warum unternimmst du nichts mit Freunden? will ich wissen. Es würde dir guttun. –
Mutter lacht ein trauriges Lachen. Schweigt dann. –
Ich bin unsicher geworden, weiß nicht, welche Worte ich ihr zumuten soll. Mir ist, als würde ich auf brüchigem Eis gehen. –
Entschuldige bitte, sagt Mutter. Ich hätte das nicht sagen sollen. Es ist nur so: ich vermisse das Leben, das ich hatte. Wer alt wird, hat so viele Verluste. –
Ich schaue aus dem Fenster, hole tief Luft. Was ist es, das ich ihr sagen will? frage ich mich. Ein Kind läuft lachend die Straße entlang, dem bunten Ballon hinterher, den ihm der Wind schroff aus den Händen gerissen hat.

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