Ein unerwartetes Wiedersehen

Weinviertel & Seewinkel

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1933 ist ein Österreicher quasi CEO in Deutschland geworden und wenig später der Reichstagsbrand und Ende der Weimarer Republik und überhaupt große Katastrophe. Aber 1933 auch ein Österreicher zur Welt gekommen, der hat ihr im Gegensatz zum anderen gar nix angetan und ist auch kein gescheiterter Aquarellmaler geworden und wollt‘ auch nie hinaus in die weite Welt und vielleicht ist er nicht zuletzt deshalb deutlich älter geworden als der kleine Mann aus Braunau am Inn. Jetzt ist er 85 geworden, mein Papa, und mittlerweile hat er schon zwei Generationen an Ärzten überlebt und die dritte geht grad in Pension.

Seinen Vater hat er mit zwölf verloren, und da war der Mann aus Braunau nicht schuldlos dran, weil g’scheiter wär’s schon gewesen, wenn der auch in seinem Dorf geblieben wär‘. Das ist jetzt dreiundsiebzig Jahre her und seit fünfundfünzig Jahren ist er mit seiner Frau, meiner Mama, verheiratet. Das sind schon Maßstäbe, die einem gesetzt werden, da kommt unsereins nicht so einfach hin, da musst du dich echt nach der Decke strecken.
Alles Gute zum Geburtstag, Papa!

Unser erster Tag im Burgenland also mit meinen Eltern in Rust, weil nachschauen wollten wir schon, ob dort wirklich weniger Störche als in Marchegg. Und ganz ehrlich: ich könnt’s nicht sagen, weil wo du auch hinschaust ein Nest mit Storch drin und wär‘ ich ein Frosch, ich hätt‘ schon eine Heidenangst.

Auf der Heimfahrt ich dann noch in Sankt Margarethen abgebogen, wo meine Mutter aufgewachsen ist, weil ich mir denk, machst ihr eine Freude und schaust bei ihrem Elternhaus vorbei. Das Auto steht noch kaum, ist sie schon draußen, so schnell, dass sie den Usain Bolt überholt hätt‘, aber der ist ja bekanntlich ein langsamer Starter. Sie also ohne Schauen quer drüber über die Straße, also genau das, was du deinen Kindern von klein auf eintrichterst: das machst du auf gar keinen Fall, haben wir uns verstanden? Weil auf der anderen Straßenseite die Miatz, die frühere Nachbarin von meiner Mama. Die Miatz natürlich klar im Nachteil, weil sie ja vor ihrem Haus, aber wer da auf sie zustürmt und ihr um den Hals fällt, das muss man jetzt nicht gleich wissen, wenn man einander seit 1966 nicht mehr gesehen hat. Die Miatz aber eine freundliche Frau, die lässt sich schon mal drücken, bevor ihr klar wird: das ist ja die Pascher Rosl.

Und ob du’s jetzt glaubst oder nicht: in eben diesem Moment geht die Tür vom Nachbarhaus auf. Und das ist ja wirklich unglaublich, weil normalerweise kannst du Tage in diesen Dörfern verbringen und siehst keine Menschenseele, da gehen manchmal ganze Kriege vorüber, bevor sich in so einem Dorf eine Haustür auftut. Und in der Tür steht der Ernstl, dessen Nachnamen ich bis heut‘ nicht aus meinen Eltern rausbekommen hab, Aufregung einfach zu groß jetzt, da kannst du keine Details mehr erwarten. Der Ernstl, der 1966 das Haus gekauft hat, mittlerweile auch schon ein wenig älter, aber die Freude groß, meine Mutter nach zweiundfünfzig Jahren wiederzusehen, das gibt ein Geherze wie nach einem Gefangenenaustausch in El Salvador. Und dann lädt er uns natürlich ein auf ein Glaserl und ich mein‘, warum nicht, so alle fünzig Jahre kann man das schon mal machen, so viel Zeit muss sein. Also wir in den Keller, den mein Opa vor Jahrzehnten gemauert hat und der Ernstl greift zu einer Flasche Sekt, was ist von seiner ungarischen Schwiegertochter, und sagt: ‚Glas hätt‘ ich auch, müsst‘ ich aber erst waschen.‘ Das ist uns dann aber doch zu gefährlich, weil der Ernst schon nicht mehr ganz nüchtern, es ist ja schließlich schon drei Uhr. Da nehmen wir lieber das Mundeckenrisiko und trinken aus der Flasche.
Und schlecht ist er nicht, der Sekt, und der Ernst richtig froh über das Wiedersehen, das sieht man ihm an. Und meine Mutter, die seit Jahren keinen Alkohol trinkt, überhaupt glücklich und nach ein paar ordentlichen Zügen aus der Flasche sowieso, ja was glaubst du.

Und was willst du mehr von einem Tag wie diesem?

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