Niedersulz: die Seele des Weinviertels

Weinviertel & Seewinkel

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Wer Niedersulz nicht gesehen hat, der hat die Seele des Weinviertels nicht kennengelernt. Also ich mein‘ jetzt nicht das Dorf Niedersulz, das zwischen Erdpreß und Nexing liegt und ungefähr so interessant ist wie die Triester Straße oder die Westeinfahrt. Die Rede ist natürlich vom Museumsdorf, dem phantastischen Resultat der jahrzehntelangen Bemühungen des Josef Geissler, der Bauernhäusern, Stadeln, einer Schule, einem Dorfwirtshaus, einer Greißlerei, ja sogar einer Kirche und ganz vielem Kramuri eine neue Heimstatt geboten hat. All das stammt aus Niederösterreich und alles würd’s nimmer geben ohne den Josef Geissler, aber jetzt eben alles hier in Niedersulz und zusammen ein lebendiges Gesamtkunstwerk, das hätt‘ der André Heller nicht besser hinbekommen.

Und Meter macht man auch nicht wenige, ob jetzt durch die Hauptstraße, die Kellergasse oder durchs Hintaus und wer mag, kann auch im Presshaus versumpfen, ganz wie im richtigen Leben halt. Und pass auf, das glaubst du nicht, weil Sautrog haben wir endlich auch gefunden, jetzt kann das Sautrogrennen in der Arena Eichenbrunn kommen, na die werden Augen machen.

Stärkung für zwischendurch natürlich auch vorhanden im Museumsdorf, die sind dort sogar sprachlich tipptopp, die verstehen dich sogar, wenn du Lahmrinsen bestellst. Aber wahrscheinlich sind sie das gewohnt, weil ein paar Besucher schon ein wenig älter und warum soll man einem Schlaganfallpatienten keine Rahmlinsen geben?
Mit bäuerlichen Weisheiten wird auch nicht gegeizt. Auf einem alten Kasten etwa ein Spruch, da würden die Heutigen zögern, das laut zu sagen: ‚Der Frauen edelster Beruf, zu dem sie Gott der Herr erschuf, ist stets im Hause still zu walten, mit Fleiß die Ordnung zu erhalten.‘ Da glaubst du dann schon, dass die ÖVP hier zeitweise 104 % bekommen hat.

Und wie sich’s für ein echtes Dorf gehört, haben sie auch einen Bauernhof und dort schon die nächste Überraschung, weil wirklich bekanntes Schwein dort zu Hause, quasi Promi-Schwein. Aus dem zarten Ferkel aus der ‚Ja! Natürlich‘-Werbung ist nämlich eine ausgewachsene Sau geworden und die hat sich gedacht: Erdpreß ist nicht schön, Nexing auch nix für mich, aber in Niedersulz haben sie so einen tollen Sautrog und die Suhle riecht da auch so richtig streng, da lässt sich das Schweineleben beschaulich zu Ende rüsseln.

Der Ziegenbock natürlich auch ein Hit, den sollte man auf keinen Fall versäumen. Und obwohl eh gar nicht klein: für die Äpfel am Baum reicht’s halt doch nicht. Aber Bock nicht blöd, es fehlt ihm nur das richtige Werkzeug und siehst du, jetzt kommst du ins Spiel. Weil Ziegenbock macht sich lang wie ein Lehrer vor der Klasse und deutet auf Baum, und weil er instinktiv begreift, dass ich der Begriffsstutzige von uns beiden bin, macht er das mit Doris. Man darf das nicht persönlich nehmen, da muss man schon drüberstehen. Und recht hat er ja, weil ich mich immer noch frag, was will er da oben eigentlich, macht er jetzt einen Kletterkurs, oder was? Und Doris schaut ihn an und deutet auf die Äpfel und der Bock schaut die Doris an und nickt, man glaubt es ja kaum, und ich schau auch die Doris an und frag: was will er denn?
Und da siehst du wieder, ein Doktor Dolittle wird aus mir in diesem Leben nimmer.

Als wir heute um 9:15 Uhr die Hainburger Brücke überquert haben, haben wir das Weinviertel hinter uns gelassen, wo sie im Restaurant statt Blumenschmuck schon mal Thujen am Tisch stehen haben. Und der Zerrspiegel im Badezimmer in Grub war auch ein wenig eigen, da hab mir dann sogar ich gedacht, ja bist du g’scheit, jetzt solltest auch mal einen Schweinsbraten auslassen.
Aber andererseits: hinter der Donaubrücke bald das Leithagebirge und hinter dem Leithagebirge das Burgenland und Hand aufs Herz: wer könnte da schon auf Schwein verzichten?

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