Ein unzerstörbarer Kirchturm

Weinviertel & Seewinkel

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Ich bin euch ja noch die Geschichte mit der Kirchturmspitze schuldig, die muss natürlich schon erzählt werden. Weil das geht ja gar nicht, ein Thema einfach nur anreißen und dann drauf vergessen. Schließlich hat man Leser mit Niveau, die passen schon auf auch und urgieren im Bedarfsfall. Anfang der Siebzigerjahre haben die in Wildendürnbach jedenfalls ihre Kirche gesprengt, wahrscheinlich weil ihnen die alte nimmer gefallen hat oder grade ein paar Kisten Dynamit aus Wehrmachtsbeständen in einem aufgelassenen Presshaus ausgeapert sind. Vielleicht aber auch, weil die Zeiten grad generell ein wenig gottloser geworden sind, man weiß es nicht mehr. Die alte Kirche war nachher kaputt, eh klar, die Kirchturmspitze aber ganz und gar unversehrt.

Da hat’s die Wildendürnbacher natürlich schon geschreckt, selbst die paar, die erst kurz zuvor den Kreisky gewählt haben. Weil, weißt eh, von wegen göttliches Zeichen und drohendes Unheil, wenn du jetzt einen zweiten Versuch wagst. Da hätten sich dann nicht einmal mehr die Kommunisten drübergetraut, wenn’s noch welche im Dorf gegeben hätt‘, aber da waren die Nazis zu gründlich. Also haben sie sich angeschaut, die Wildendürnbacher, sich wahrscheinlich ratlos am Kopf gekratzt (genau weiß man das nicht, solche Sachen werden ja meist nicht überliefert) und sind dann in die Kellergasse ausgiebig einen trinken gegangen. Und siehst du, dort ist sie ihnen dann eingefallen, die Lösung der dritten Art: Kirchturmspitze einfach in die Kellergasse integrieren, da ist sie dem Himmel so nah wie der Wein und die Presshäuser. Also echt jetzt: welche Geschichte könnte der Weinviertler Seele gerechter werden?

Die Trojaner fürchten ja die Griechen, welche Geschenke bringen, die Deutschen die Österreicher, wenn sie eine Rettungsgasse bilden sollen und ich, das muss ich zugeben, die Gänserndorfer Autofahrer. Entweder tragen sie Hut und fahren zwanzig Stundenkilometer langsamer als erlaubt, oder man hat sie drängelnd einen Meter hinter der Stoßstange. Beides ist recht unentspannend, erklärt aber vielleicht die ungewöhnliche Häufung an Holzkreuzen am Straßenrand. Aber was soll man da machen, wenn du durch das Marchfeld willst, musst du durch den Bezirk Gänserndorf, das musst du hinnehmen wie einen plötzlichen Sturzregen oder eine kranke Sau.

Weil hinter dem Marchfeld die Donau und gleich hinter der Donau Carnuntum, das muss man schon gesehen haben. Also ich war ja seit der Schulzeit nimmer dort, aber mittlerweile haben die fast die ganze Stadt wieder aufgebaut, man glaubt es ja kaum. In den Thermen plätschert Wasser und die Wände sind so schön bemalt und die Liegen schauen auch richtig gemütlich aus, da kann die Therme in dings mit ihrem Ostblockcharme glatt einpacken, da machen die keinen Stich gegen Carnuntum. Und die Bauern in der Umgebung auch recht fortschrittlich, weil direkt vor dem Heidentor ein riesiges Hanffeld, die exportieren wahrscheinlich sogar bis nach Holland, aber darüber sprechen sie hier nicht gerne.

Und Hainburg auch sehr nett, eigentlich. Echt schöne alte Stadttore, die obligate Ruine am Berg und jede Menge Verkehr auf der Durchzugsstraße. Das Beste aber das Eis im Eissalon Daniel am Hauptplatz, da gibt’s gar keine Debatte. Da bist du nachher so glücklich und zufrieden, da fürchtest du nicht einmal mehr die Gänserndorfer Autofahrer.

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