Fülle

Aus dem Alltag

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Kam der Winter ins Land, pfiff der Wind das Lied der Kälte, trug die Stadt ihr weißes Kleid. Huschten Katzen über eisumflortes Pflaster, fror der Mann, der in Lumpen ging.

Leer war der Dom, beinahe. Zwei Frauen, die stumme Gebete in die Stille des Raums stießen, ein Mesner, der drei Kerzen trug, in der Sakristei verschwand, in einer Kirchenbank der Mann. Neben ihm, zitternd, die Finger klamm: die junge Frau, die wissen wollte.
Warum? fragte sie. Weshalb dieses armselige Leben? Sie sprach, ohne aufzusehen.
Weil es die ärmsten meiner Brüder ertragen müssen, flüsterte er. Ich bin nicht besser als sie.
Aber wem nützt es? fragte die Frau. Was ändert es am Leid der Welt?
Nichts und alles, sagte er, hustete. Nichts bei den vielen, die das Elend nicht sehen. Alles bei den wenigen.
Die Frau schüttelte den Kopf, langsam. Sah auf das Gebetbuch, das in der Reihe vor ihr lag, rot war sein Einband aus Leder. Aber die Menschen verstehen dich nicht, halten dich für einen Narren, meinte sie, sah ihn nun an. Du wirst nichts bewirken.
Der Mann lächelte. Meinst du? fragte er. Wie kannst du es wissen? Ist das Samenkorn tot, das in der Erde liegt und noch nicht keimt?
Du gebrauchst schöne Worte, aber wozu taugen sie? Sieh uns an. Wir sind hungrig und frieren. Wo ist die Fülle in der Welt, von der du immer sprichst?
Der Mann sah sie an, lange, berührte dann ihre Stirn. Solche wie mich hat es immer gegeben, sagte er, wollte noch etwas sagen, tat es nicht. Schwieg eine Weile.

Nicht in den Worten liegt der Weg, flüsterte er als der Mesner aus der Sakristei trat, eine Kirchenbank knarrte, ihm eine der beiden Frauen vier Münzen in die Hand drückte, lächelte.

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