Wetterleuchten

Aus dem Alltag

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‚Schau‘, sagte ich und griff nach dem Baum. Die Birke lag neben den Gleisen, die zum Frachtenbahnhof führten, und streckte ihr dürres Geäst der angrenzenden Straße entgegen. Ein Ast war geknickt und ragte in großem Bogen ein Stück weit über die Schienen. Gefahr war keine in Verzug. Die Gleise waren stillgelegt.

Ich hob den Baum an, hielt ihn vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger als wäre er ein Tier, dem man nichts antun wollte. ‚Sie ist noch immer schön, die Modelllandschaft‘, sagte ich. Mein Vater nickte. Er stand neben mir, strich mit der rechten Hand durch sein Haar, das mit den Jahren weiß geworden war und dünn. Er zeigte auf den Tunnel, wo sich die Schienen im Dunkel eines Berges verloren, um auf der anderen Seite wieder ans Licht zu treten und nach einer scharfen Rechtskurve in den Hauptbahnhof zu münden. Seine Lippen bewegten sich, doch ich verstand nicht, was er sagte. ‚Entschuldige, Papa. Was hast du gerade gesagt?‘, fragte ich und war ein wenig besorgt. Meine Ohren würden mir doch nicht wieder einen derben Streich spielen?
‚Im Tunnel ist kein Licht‘, meinte er. Der Baum in meiner Hand fühlte sich rau und zerbrechlich an.

Wir traten in den ersten der drei Räume, die nacheinander von meiner Großmutter, meinem Bruder und mir bewohnt worden waren. Er war leer. Wo war der kleine Tisch geblieben, der seit beinahe dreißig Jahren hinten an der rechten Wand gestanden hatte? Wo die Bettbank, das Bücherregal, die Fotos an den Wänden? Ich sah zu meinem Vater, der hinter mir durch die Türe trat. Fragte ihn wortlos, was passiert war.
‚Die Dinge beginnen zu verschwinden‘, sagte er und ging an mir vorüber.

Der zweite Raum war noch möbliert. Nur hier und da fehlte ein trivialer Gegenstand, ein nichtiges Detail. Der Hefter etwa, der stets neben der alten Schreibmaschine stand und einen kleinen Stapel Druckerpapier beschwerte. Die Kugelschreiber, die in einem transparenten Plastikbecher steckten, der nun leer und hungrig seine Öffnung in das Zimmer reckte. Es war kalt. Mein Vater stand bereits im letzten Raum, dem Schlafzimmer. Er öffnete das Fenster und deutete auf die Reihenhaussiedlung, sie mochte etwa hundert Meter von meinem Elternhaus entfernt sein. ‚Erinnerst du dich noch an den Bach, der dort hinten war?‘, fragte er. Ich fühlte eine seltsame Unruhe in mir aufsteigen. ‚Der Bach‘, meinte er ruhig, ‚fließt immer noch dort, auch wenn ihn niemand mehr sehen kann‘. Dann schloss er das Fenster und mit einem Mal wurde es eisig kalt.

Da erst bemerkte ich das Loch in der Decke. Die Bretter der Holzverkleidung waren zersplittert und ragten bösartig und scharfkantig in den Raum hinein. Dort, wo der Beton fehlte, ließ sich der Dachstuhl erkennen. Ich war fassungslos. Schaute meinen Vater an, der auf mich zukam und das Loch nicht zu bemerken schien. Was ging hier vor? ‚Manchmal bin ich müde‘, sagte er und wirkte plötzlich alt und verletzlich. Er stützte sich auf das Bett und sah mich an. Ich griff nach seiner rechten Hand und hielt sie in meiner. Ich sagte nichts.

Als ich die Wärme spürte, die sein Körper verströmte, sah ich, dass ich träumte.
Seine Hand ließ ich nicht los.

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