Wortlast

Aus dem Alltag

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Was liest du? fragte Daniel und strich eine Falte im Sitzbezug glatt, aus Langeweile wohl. Einen Roman? Tobias sah auf die Uhr, die über dem Tisch neben dem Eingang hing. Romane langweilen mich, antwortete er. Sie brauchen zu viele Wörter, die nutzlos sind. Daniel nickte. Es war ein Nicken, das Zustimmung ausdrücken mochte oder völlige Interesselosigkeit. Gehen wir zu den Huren? fragte er. Tobias schloss das Buch. Ich weiß nicht, sagte er. Lieber nicht. Er winkte dem Kellner. Am Nebentisch saß ein junges Paar, das Streit zu haben schien. Die Frau wirkte aufgebracht, der Mann starrte auf eine leere Kaffeetasse. Dreizehn achtzig, der Herr, sagte der Kellner. Tobias gab ihm zwei Scheine. Stimmt so, sagte er. Und, zu Daniel: Na gut, gehen wir. Daniel lachte und klatschte in die Hände.

Findest du nicht, dass es Unrecht ist? fragte Tobias. Er blieb stehen und zündete sich eine Zigarette an. Daniel sah ihn ratlos an. Was meinst du? fragte er. Zu Huren zu gehen, meinte Tobias. Ist es nicht … feige? Daniel zuckte mit den Schultern. Prostitution! rief er, schrie das Wort in die nachtdunklen Gassen. Was, mein Freund, ist falsch daran? Er grinste. Tobias stand und rauchte, starrte die Straße entlang. Ein weißer Kastenwagen bog um die Ecke. Eine Minute verging, in der niemand sprach, es störte nicht. Auf einem Balkon, zwei Stockwerke über ihnen, bellte ein Hund.

Ich glaube nicht, dass du recht hast, meinte Daniel.
Womit? Dass es feige ist, zu Huren zu gehen?
Daniel lachte, schüttelte den Kopf. Was du über Romane gesagt hast. Dass sie zu viele Wörter brauchen.
Tobias war überrascht, dass sein Freund das Thema wieder aufgriff. Warum? fragte er. Wäre das, was es wert ist, gesagt zu werden, nicht auch mit wenigen Worten zu erzählen? Wozu das schmückende Beiwerk?
Daniel legte den Kopf in den Nacken, suchte zwischen den Wolken den Vollmond, der über den schmalen Gassen hängen musste, irgendwo. Ein gutes Buch hat die Worte, die es braucht, meinte er. Es kennt kein Beiwerk.
Aber warum die Botschaft in Erzählungen kleiden? Weshalb sie ummanteln mit Worten, die nur vom Wesentlichen ablenken? Tobias mochte nicht abrücken von seiner Meinung, zu gut gefiel sie ihm, zu vertraut war sie ihm geworden.
Weil der Mensch Geschichten braucht, antwortete Daniel. Ohne die Geschichten wird er nicht darauf achten, was du ihm sagen willst. Er wird dich bloß für einen Wichtigtuer halten. Regen setzte ein, in der Ferne war das Grollen von Donner zu hören. Komm, sagte Daniel und zeigte auf eine Bar. Lass uns das andere Thema bei einem Bier besprechen. Als sie das Lokal betraten, sang Edith Piaf La vie en rose, schlüpfte eine Katze in den schmalen Durchgang, der die Bar vom Nebenhaus trennte.

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