Zeit der Wunder

Aus dem Alltag

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‚Das Christkind‘, sagte das Mädchen und stemmte seine kurzen Ärmchen in die Hüfte, ‚gibt es nicht‘. Sie habe lange darüber nachgedacht, sagte sie. Sie sei sich da ganz sicher.

‚Wenn du meinst‘, sagte der Vater, hob die Schultern ein wenig, breitete die Arme aus, drehte die Handinnenflächen nach oben und suchte den Blick seiner Frau. ‚Hmmmhh?‘, grummelte Opa, der neben dem Radio saß und nur die mürrische Miene seiner Enkeltochter wahrnahm. ‚So einfach ist das nicht, Sophie‘, sagte Mutter und lächelte wissend.

‚Keine meiner Freundinnen hat das Christkind jemals gesehen, Mama. Und ich auch nicht.‘ Sie wirkte ein wenig unglücklich und tastete nach dem Schneidezahn, der vor zwei Tagen zu wackeln begonnen hatte. ‚Nur weil man etwas nicht sehen kann, heißt das noch lange nicht, dass es das nicht gibt‘, meinte die Mutter und strich dem Mädchen über die Nasenspitze. Es musste kichern, fand aber schnell seine Fassung wieder. Das Problem mit dem Christkind war schließlich eine ernste Sache.

‚Aber das Christkind kann doch nicht überall zur gleichen Zeit sein‘, flüsterte das Mädchen. Es sah seine Mutter aus fragenden Augen an, ein wenig Hoffnung lag in ihnen. Mutter konnte es sehen. ‚Wir alle brauchen jemanden, der uns hilft‘, sagte sie. ‚Und das Christkind hat viele Helfer. Es muss nicht alles alleine machen.‘ Sie setzte sich und hob Sophie auf ihren Schoß. Vater stand reglos im Raum und lugte verstohlen in ihre Richtung. Opa kratzte sich am Hinterkopf, schaute auf einen kleinen Fleck, den er eben auf seiner Hose entdeckt hatte und fragte, ob alles in Ordnung sei.

‚Weißt du‘, sagte Mutter und strich dem Mädchen über ihre dichten, braunen Haare, die sich nie wirklich bändigen ließen. So eigenwillig waren wie Sophie selbst. Es war gut so, dachte sie. Es war richtig. ‚Manches können wir einfach nicht sehen, auch wenn wir es uns sehr wünschen. Du kannst zum Beispiel den Wind nicht sehen, der im Herbst die Blätter vor sich her treibt. Nur das, was er mit den Dingen macht. Du kannst die Kälte nicht sehen, die dich an einem hellen Wintertag frieren lässt. Und du kannst das Christkind nicht sehen, auch wenn du das so gern würdest. Aber das‘, sagte sie und strich dem Mädchen wieder über die Nasenspitze, ‚heißt nicht, dass es das alles nicht gibt.‘

Sophie wusste nicht recht weiter. Vielleicht, dachte sie, hatte Mutter recht. Die Welt steckte voller Wunder.
Vielleicht hatte sie noch nicht alle entdeckt.

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