Zukunft

Gastbeiträge

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Gestern. Immer gestern gewesen, vorgestern. Das Leben gestern. Ich stehe heute auf, hoffe auf morgen und lebe gestern. Morgen ist ein Tag, in dem ich das Gestern lasse. Morgen ist morgens früh, bevor der Tag begonnen hat. Im Aufwachen ist morgen. Gestern ist das Geisterhaus der Familie. Morgen ist die verschlossene Tür. Bald bricht die Klinke ab und ich bleibe aus meinem Leben weg. Wer blickt auf mein Schlachtfeld? Niemand mehr da. Ich bin eine der Letzten im Gestern. Und was richte ich aus? Klaue ich der Freiheitsstatue die Fackel und renne über die Grenzen zu meiner Haustür? Da lachen die Katzen und reiben sich die Pfoten. Ein bewegender Augenblick: Frau mit Zementfackel vor Tür ohne Klinke. Flankiert von schwarzen Katzen. Polizei! rufen die Nachbarn und wedeln mobil.

Gestern war. Vor dem Gestern war alles, was ich nicht weiß und was mich ausmacht: Geschichte, Familie, Zukunft, Besitz, Glück, Lachen; vor dem Gestern war Zukunft. Gestern war Flucht, Geschichte, Namen, Erinnerungen, Familie, Bilder, Glück, Lachen, Pässe, Worte. Im Gestern die Wörter verloren. Die Erinnerung der Wörter verlassen. Die Abgrenzung und Farbe der Wörter vergessen. Die Wörter verschluckt, keine Sätze mehr bilden. Keine Geschichten mehr erzählen. Gestern in der Zukunft nicht mehr sprechen. Morgen nicht sein. Wer war ich gestern? Ich trenne mich von mir. Gehe von mir weg, kenne mich gestern nicht. Morgen will ich die sein, die mir begegnet. Ich muss die Wörter wiederfinden, die Geschichten erzählen.

Das Wort heute war gestern in der Idastraße zu Leipzig. Heute gibt es seit vorgestern und die Zukunft nach dem Gestern nicht mehr. Morgen ist es für heute zu spät. Heute ist ein Wort. Gestern sind die Wörter verbraucht. Heute war vor über hundertfünfzig Jahren in Schlesien, Reichenbach und Hirschberg, im preußischen Goldberg und Posen. In Berlin und Leipzig. Früher.

Manchmal bin ich versunken in der galizischen und preußischen Vergangenheit. In dem Leipzig und Berlin vor dem 1. Weltkrieg, zwischen den Kriegen, in der guten Weimarer Zeit. Ich lebe nicht heute, weil ich woanders bin, an Orten, die ich als Kind nicht kannte. Kinderzeit war die Vergangenheit der Erwachsenen. Heute nie gelernt.

Immer spüre ich eine Sehnsucht nach der Ferne. Irgendeiner Ferne. Egal in welcher Himmelsrichtung. In der Ferne wäre dann ein anderes Leben, das ich nicht kenne. Gleichzeitig möchte ich mich keinen Millimeter vom Fleck bewegen und hier sein, in dem Leben, von dem ich weiß, wie es geht: aufstehen, Familie, schreiben. Noch größer ist die Sehnsucht, in der unbekannten Ferne in einem Bistro zu sitzen und allen zuzuschauen. Wie die halbe Zeit, wie die ganze Zeit vergeht. Dann ist Ruhe und heute. Meine Zeit?

J. Monika Walther stammt aus einer jüdisch-protestantischen Familie. Schlug an vielen Orten Wurzeln. Studierte, promovierte, zog los in die Welt. Kehrte zurück und wurde sesshaft im Münsterland und in den Niederlanden. Wurde 1976 Schriftstellerin, ist es bis heute. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt „Der Mann ohne Hände“ (zusammen mit Monika Detering, Geest-Verlag 2020), „Dorf – Milch und Honig sind fort“ (Geest-Verlag 2020) und „Als Queen Elizabeth II. Schnaps im Hafen von Marne trank“ (Geest-Verlag 2018).
J. Monika Walther
Geest-Verlag

Die Textrechte dieses Beitrags liegen bei J. Monika Walther, die Bildrechte bei Doris Lipp.

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