Januarwinken
- März 19, 2024
- by
- Annette Hagemann
Traurig und verschmitzt war der letzte Abschied vom Onkel,
dem Altertumsexperten, der im Jemen den Straßenjungs ihre
(tags zuvor getöpferten) antiken Scherben abkaufte – jede
einzelne, die ihm angetragen wurde, bezahlte er: Die Jungs
der Gegenwart freuten sich, und er grub die Scherben
andernorts in die Erde, als Rätsel für zukünftige Archäologen.
Als Händels „Nie war ein Schatten“ zu hören war, sahen wir uns
kurz in die Augen und weinten ein bisschen, dann verkniff ich mir
das weitere Weinen, weil es mir zu eigennützig vorkam, und darauf
sprach dann mein Onkel zu mir: Weine, weine doch einfach, warum
denn...
Utopia
- März 12, 2024
- by
- Alice Grünfelder
Um sieben. Wenn es klingelte, konnte man sicher sein, dass es Erik war. Immer um sieben rief er durch, rief alle der Reihe nach an, ob sie heute Abend. Wie immer. Und sie kamen. Yves, Luc, Marco. Manchmal auch Sabine. Oder Maria. Lust hatten sie nicht wirklich, je älter je weniger. Sie trafen sich donnerstags,...
Wenn jemand schwach flackert
- März 05, 2024
- by
- Vera Schindler-Wunderlich
Als ich zu sauer war, schrie ich:
„Wieso prescht ihr vorbei?
Sieht niemand, wie schwach
ich flacker und paddel?“
Als ich zu süß war, gurrte ich:
„Wie herrlich die Strömung!“
Am Dienstagabend: habt ihr gesungen,
Am Donnerstag: die lieben Hände gefaltet,
Am Sonntagmorgen: grüßtet ihr und zeigtet
Herzen aus schönem, persönlichem Honig.
Als ich wisperte: „Wieso verdorre...
Vogelmarkt
- Februar 27, 2024
- by
- J. Monika Walther
Wenn ich will, gehe ich jede Woche zum Vogelmarkt. Ich gehe gerne hinunter zum Hafen. Ich schließe meine Sardinendosen, lecke meinen Löffel Honig ab, nehme eine Mandel in die Hand, küsse in die Luft und öffne die Tür. Hinaus. Die Schneetulpen blühen und ich gehe hinunter zum Hafen, hüpfe Himmel und Hölle, hebe die Welt...
Aussage von Sophie A.
- Februar 20, 2024
- by
- Gabrielle Alioth
Die Art, wie er auf der Bank saß, ließ mich gleich wieder wegschauen. Ich wollte seine Aufmerksamkeit nicht auf mich ziehen. Am späten Vormittag sind in der Stadt oft Leute unterwegs, die mit dem Alltag nicht zurechtkommen, einen ansprechen, etwas verlangen oder in ein Gespräch verwickeln, aus dem man nicht mehr herauskommt, ohne sich bloßzustellen.
Ich...





